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Frankfurter Airport City : Hier wird der Welt gezeigt, was Ordnung ist

  • -Aktualisiert am

Technisch und moralisch einwandfrei

Seit 2008 wird Gateway Gardens gebaut, 4500 Menschen arbeiten bereits dort. Und einen Lauftreff gibt es auch schon. Die Mitarbeiter joggen gemeinsam durch den Park mit altem Baumbestand und W-Lan. Bald können sie ihre Kinder vor der Arbeit in den Gateway Kindergarten bringen, in der Mittagspause einkaufen, joggen oder Arzttermine wahrnehmen, ohne das Areal zu verlassen. All das kann man in Gateway Gardens tun, vielleicht muss man es sogar, um am Ende wirklich dazuzugehören – nur wohnen darf dort wegen des Fluglärms niemand. Kinder werden also durch den Park laufen, die Logistik-Studenten des HOLM, die lächelnden Mitarbeiter, die Business-Zukunft der Nation, aber kein einziger Mensch im Rentenalter. „Wir schenken Zeit“, sagt Müller lächelnd. „Es müssen keine großen Wege mehr zurückgelegt werden. Wir bieten alles an einem Ort.“

Nicht nur der Gateway Park ist grün, sondern auch die Bebauung. Sie entspricht durchweg den Kriterien der DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen): begrünte Dächer, Bau und Betrieb der Gebäude nach Energiesparvorgaben; Form folgt der Funktion folgt der Nachhaltigkeit. Die vermutlich größte, mobilste, werbewirksamste, grünste Airport City Europas soll außerdem die erste Elektro-Mobilitäts-City Deutschlands werden. Schon jetzt gibt es Stromtankstellen und Mietfahrradstationen.

Gateway Gardens ist also nicht nur technisch, sondern auch moralisch einwandfrei. Bleibt die Frage, ob seine Bevölkerung es auch ist. Und was passiert, wenn hier jemand ohne Umweltplakette herumfährt, Chicken Nuggets isst und von der Couch mehr hält als vom Joggen. Noch rollt niemand im Elektroauto durch das Viertel. Die ansässige, das heißt arbeitende, Bevölkerung scheint ein Appendix des Flughafenpersonals zu sein. Trolleys werden über Gehwege gezogen, hübsche Damen tragen kleine Hüte und Blazer im Arm.

Vollkornbrötchen statt Sandwiches

Zwischen den Menschen im Arbeitsmodus und den Gebäuden mit Special Effects stehen auch ein paar sehr unscheinbare. Es sind niedrige, einfache Reihenhäuser, Reste der amerikanischen Rhein-Main Air Base, die sich 60 Jahre lang über die 35 Hektar erstreckte. Bis 2005 war Gateway Gardens noch „Gateway to Europe“ oder „Little America“, sagt Dietmar Müller der darüber nette, kleine Geschichten zu erzählen weiß. Vom Colonel zum Beispiel, der sein Haus mit einem Untergebenen tauschte, weil er selbst Maulwürfe im Garten hatte.

Little America soll nicht ganz verschwinden. Die letzten Häuser werden zwar abgerissen, einige ihrer metallenen Eingeweide türmen sich schon hinter Bauzäunen. Aber das ehemalige Pförtnerhäuschen, das Gatehaus, soll bleiben. Gateway Gardens übt sich also auch noch im richtigen Umgang mit der eigenen Vergangenheit: „Unser Gatehouse am nördlichen Eingang ist eine Art Checkpoint Charlie, eine Pforte zwischen Vergangenheit und Zukunft. Auf der einen Seite Gateway Gardens, auf der anderen Seite das ehemalige Little America. Zukunftswelten und das schon unter den Amerikanern existierende Gateway to Europe.“ Müller geht weiter, holt erneut zu großen Gesten aus, erklärt, dass die amerikanischen Häuser allein aus energietechnischen Gründen abgerissen werden müssen. Aber über Barbecues im Park könne man nachdenken, Rock’n’Roll-Partys oder Jazzabende oder alles.

Dann lädt er zum Kaffee im Bistro ein, das wie ein New Yorker Deli wirkt, nur mit belegten Vollkornbrötchen statt Weißbrot-Sandwiches. Die Vereinigten Staaten, die nach dem Krieg alles besser machen wollten und von hier aus ihre Rosinenbomber starteten, sollen von den Gateway Gardens noch überboten werden. Vollkorn statt Weißmehl, für optimale Performance. Neben der Bistroterrasse sprießt noch etwas Unkraut, aber die Bauzäune sind weit weg. Der Kaffee ist dunkel, dampft so vor sich hin, und das ist beinah merkwürdig. Müsste er nicht schillern? Naturgesetze hat Gateway Gardens wohl nicht außer Kraft setzen können – noch nicht.

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