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Frankfurter Adorno-Vorlesungen : Die Quelle der ewigen Jugend

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Solche Wunder der Natur bestaunt man voll Ehrfurcht, aber man besteigt sie nicht: Adorno in den Schweizer Alpen. Bild: Walter-Benjamin-Archiv der Akademie der Künste

In der Erinnerung an die Sommerausflüge mit der Familie fand der kritische Theoretiker seinen utopischen Begriff der Natur. Peter E. Gordon hält die Adorno-Vorlesungen in Frankfurt.

          Seit 2002 werden an der Universität Frankfurt die Adorno-Vorlesungen gehalten, organisiert in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozialforschung und dem Suhrkamp Verlag. Systematische Entwürfe wurden in diesem Rahmen vorgestellt, die an den umfassenden Anspruch der Kritischen Theorie anschließen. Judith Butler präsentierte ihre „Kritik der ethischen Gewalt“, Horst Bredekamp seine „Theorie des Bildakts“.

          So soll nach Angaben von Axel Honneth der Spalt zwischen Adornos Schriften und den gegenwärtigen Trends in Wissenschaft, Kultur und Politik geschlossen werden. Im Jahr von Adornos fünfzigstem Todestag hat man diese Absicht zurückgestellt und einen Referenten eingeladen, der sich dem Werk des Namensgebers auf dem Weg der Auslegung zuwendet.

          Peter E. Gordon, Professor für Geschichte in Harvard, spricht über Adorno und die Quellen der Normativität. Seit seiner Doktorarbeit über Franz Rosenzweig und Martin Heidegger beschäftigt sich Gordon mit der jüdisch geprägten Philosophie im Vorkriegsdeutschland. Er schrieb die Monographie „Adorno and Existence“ und gab mit Honneth und Espen Hammer das „Routledge Companion to the Frankfurt School“ heraus. Vor zwei Jahren veröffentlichte er den Aufsatz „The Authoritarian Personality Revisited: Reading Adorno in the Age of Trump“.

          Teddie spielte im Weinkeller Verstecken

          Gordon beginnt mit Anekdoten aus der Kindheit von „Teddie“, wie ihn die Eltern, der Weinexporteur Oscar Wiesengrund und die Opernsängerin Maria Calvelli-Adorno, liebevoll nannten. Er war ein schmächtiges Kind, das häufig im Weinkeller des väterlichen Unternehmens Verstecken spielte. Beide Eltern erkannten früh die intellektuelle und musikalische Begabung, die ihren Sohn zum Kompositionsunterricht bei Alban Berg nach Wien führte und als Jugendlichen zum Leser von Friedrich Nietzsche, Franz Kafka und Karl Kraus machte. Für die Kritische Theorie fand Adorno später, in Erinnerung an die Weinflaschen im Keller des Vaters, das Bild der Flaschenpost.

          Ins Zentrum der drei Vorträge stellte Gordon die Herkunft der kritischen Energien in Adornos Denken. Der Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ wird zum Ankerpunkt aller drei Abende, die unter den Leitworten Materialismus, Metaphysik und Ästhetik stehen. Kann es in einer schlechten Welt ein Wissen vom Guten geben? Wenn es kein richtiges Leben gibt, wie können wir dann etwas Falsches erkennen, gar werten? Das sind die grundlegenden Fragen der Vortragsreihe.

          Der erste Vortrag erörtert die Frage, ob Adorno dem klassischen Materialismus marxistischer Prägung zugeordnet werden kann oder eine Sonderstellung innerhalb des kapitalismuskritischen Kanons einnimmt. Gordon stellt heraus, dass in Adornos Materialismus die Rückkehr zur Natur als Quelle der Normativität anzusehen ist. Wenn Adorno in den „Minima Moralia“ der „blinden somatischen Lust“ eine normative Qualität zuspreche, stünden Kindheitserinnerungen dahinter, insbesondere an die sommerlichen Ausflüge mit der Familie ins fränkische Amorbach, das für ihn zu einem utopischen Ort geworden sei. Den normativen Status erhalte das „Natürliche“ als das „Utopische“ dadurch, dass es den Kontrastpunkt zur Repression und Kälte der bürgerlichen Gesellschaft konstituiere, zur institutionellen Vernunft der modernen Bourgeoisie.

          Identifikation mit dem Schmerz

          Im zweiten Vortrag wird deutlich, wie eng bei Adorno, in Absetzung von Kant und im Gegensatz zu vielen marxistischen Hegelianern, die Metaphysik mit der materialistischen Philosophie verbunden ist. Der Materialismus mündet laut Gordon nicht wie bei Marx in eine totale Ideologie, sondern dient der philosophischen Orientierung des Widerstands. So sagte Adorno, dass der „Grund der Moral“ heute im „Körpergefühl“, in der „Identifikation mit dem unerträglichen Schmerz“ bestehe.

          Das „Du sollst“ als metaphysisches, „über die bloße Faktizität hinausweisendes Prinzip“ könne seine Rechtfertigung also nur noch im „Rekurs auf die materielle Wirklichkeit, auf die leibhafte, physische Realität“ finden. Die Metaphysik sei „geschlüpft“, so Adornos bildliche Zusammenfassung dieses Gedankens, „in das materielle Dasein“. Hier verwandelt sich, so Gordons Deutung, die Metaphysik als das Wissen vom Guten in die Suche nach einem Besseren, das der sozialen Realität entkommt.

          Gordon zeigt, dass Adorno der Metaphysik eine umfassende Bedeutung einräumt. Das letzte Relikt des Utopismus in seinem Denken manifestiere sich in seinen ästhetischen Theorien und insbesondere in der modernen Kunst, die er als Maske der Metaphysik in post-metaphysischen Zeiten betrachtet habe. Die Konfrontation mit der Ästhetik „als Rettung des Scheins“, eine transzendentale Erfahrung von metaphysischer Relevanz, verbürge am Ende die Normativität in seltenen Momenten des fragmentierten Glücks.

          Jeder solche Glücksmoment sei ein Bruchteil des gesamten Glücks der Menschheit, das unter der Falschheit der bürgerlichen Gesellschaft verborgen liege. Die Ansicht, dass der Autor der „Negativen Dialektik“ einen philosophischen Negativismus vertreten habe, möchte Gordon mit diesem Gedankengang widerlegen. „Adorno ist kein Theoretiker der totalen Finsternis, kein Mephisto. Er hatte Hoffnung.“

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