https://www.faz.net/-gqz-9exkn

Altstadt und Moderne : Leuchtet Frankfurt?

Hier in der Altstadt ist der Dom jetzt das größte Hochhaus. Duckt sich die einstige Hauptstadt der Moderne ins Gemütliche weg? Bild: Wolfgang Eilmes

Jetzt ist die neue Altstadt von Frankfurt offiziell eröffnet – und selbst die, die anfangs skeptisch waren, sind zufrieden. Aber war Frankfurt nicht vor kurzem noch eine Hauptstadt der Moderne?

          Wenn nach Belichtung dieser Seite die Welt nicht untergegangen ist, dann hat Frankfurt am Main in der letzten Nacht ein Spiegelbild von sich selbst in den Himmel gezaubert. 110 Quadrocopter malten im größten Drohnenballett aller Zeiten das Lufthansa-Logo, ein U-Bahn-Schild oder die Rauten des „Gerippten“, des traditionellen Apfelweinglases, in die Luft, und auch eine Waage, wie sie sich in den Zierstücken an den kunsthandwerklich akribisch ausgeschmückten Fassaden der neuen Altstadt findet, deren Einweihung an diesem Wochenende mit einem gewaltigen Volksfest voller Goethe-Aufführungen und international besetzter Pop-Konzerte gefeiert wird.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Licht der LED-Drohnen dürfte auch auf den 1878 eröffneten Renaissancetraum namens Städelmuseum am anderen Mainufer gefallen sein, an dessen Fassade ein haushohes Plakat für die große Vasarely-Ausstellung wirbt. Victor Vasarely, dem Bauhausschüler zweiter Generation und Erfinder der Op-Art, der die geometrischen Formen aus der Fläche holte und mit optischen Illusionen vor den Augen der Betrachter tanzen ließ wie schwebende Animationsfilme und der der Bundesbank-Zentrale in Frankfurt 1972 eine Kantine voll von farbensprühendem Zukunftsoptimismus einrichtete, dürften die tanzenden Apfelweinglasrauten auch gefallen haben.

          Die Altstadt soll Frankfurt „heilen“

          Nur: Vasarely war durch und durch Modernist, er glaubte an den gesellschaftlichen Fortschritt durch die Klarheit der Form, an die demokratisierende Wirkung industrieller Fertigung, er stellte seine Objekte und Drucke in Massen her und träumte „von einer sozialen Kunst“. Die neue Altstadt dagegen steht für die Verteidigung des Eigenen und regional Typischen in Form der mittelalterlichen Stadt, sie soll Frankfurt „heilen“, wie es immer heißt, indem sie die Wunden des Zweiten Weltkriegs schließt, und nicht wenige haben den Eindruck, dass die Stadt sich damit auch ein bisschen vor der Welt verschließt.

          Einweihung mit einem gewaltigen Volksfest voller Goethe-Aufführungen und international besetzter Pop-Konzerte: Besucher auf dem Hühnermarkt.

          Welches Bild also zeichnet Frankfurt von sich selbst, die modernste Stadt Deutschlands, die von dieser Welt und ihren grenzenlosen Handelsströmen geformt ist wie keine andere; die an den Wolken kratzt wie das sonst in Europa nur London und Moskau tun – wie zeigt sich die Stadt der Kaiserkrönungen, der Messe und der demokratischen Revolution in einem Moment, in dem sich Banken auf den Umzug aus dem Brexit-Unfallland vorbereiten und für die vielen bereits Zuziehenden Zehntausende bezahlbare Wohnungen fehlen? In der Illusion des unendlichen Raumes, in der Illusion berauschender Machbarkeitsphantasien wie zuletzt in der so erfrischend modernen Fernsehserie „Bad Banks“ oder in der Illusion einer von sozialen und politischen Widersprüchen bereinigten, blitzsauberen, hyperfotogenen mittelalterlichen Stadt mit Wurststand, Weinstuben, Schmuck- und Kuscheltiergeschäft und einer Porzellanmanufaktur, in der man dann all die Häuser, die in den vergangenen hundert Jahren Gegenstand öffentlichen Streits waren, als Miniaturversionen mit nach Hause nehmen kann – eines Orts, der „definiert, wie Frankfurt und Frankfurterinnen denken“, wie es Oberbürgermeister Peter Feldmann von der SPD beim Festakt in der Paulskirche ausdrückte? Oder liegt vielleicht die Illusion darin, dass zwischen allen dreien kategorische Unterschiede bestünden? Die Moderne war immer janusköpfig, sie entwarf die Vergangenheit als Gegenbild zur Zukunft. Die Ostzeile des Römers, die erste Innenstadtrekonstruktion unter Stadtmarketinggesichtspunkten in Europa, war eine Reaktion auf den wachsenden Unmut über die Hochhäuser.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Konkurrenz lauert : Herbe Enttäuschung von Netflix

          Der Videodienst gewinnt weniger Kunden als erwartet. Auf seinem Heimatmarkt schrumpfen die Abonnentenzahlen sogar. Die Aktie verliert deutlich an Wert, denn die Sorgen werden auch in Zukunft nicht weniger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.