https://www.faz.net/-gqz-7bboh

Frankfurt reißt ab : Ende einer wirren Dienstfahrt

  • -Aktualisiert am

Ein Juwel, zum Abriss bestimmt: das alte schmiedeeiserne Hoftor von 1870 Bild: Fiechter, Fabian

Der Veitstanz der Kräne geht weiter: Frankfurt opfert für einträgliche, aber gesichtslose Neubauten in der City sein erschreckend schmales Bauerbe.

          Dass Frankfurt im Kern bis 1944 eine gotische Stadt geblieben war, deren verschachtelte Bauten, Straßen und Plätze Augenmenschen begeisterten, aber fanatisch moderne Stadtplaner verzweifeln ließen, ist heute nur noch - ausgerechnet - im hochhausstarrenden Bankenviertel zu ahnen. Zum Beispiel an dessen Hauptverkehrsweg, offiziell Neue Mainzer Straße, für die Bürger seit Jahrzehnten aber „die Bankenklamm“. Vom Main her läuft sie schnurgerade nach Norden - um dann unversehens rechtwinklig abzuknicken.

          Diese skurrile Situation, die ortsunkundige Autofahrer zu Vollbremsungen veranlasst, weil sie plötzlich eine Sackgasse vermuten, ist das Erbe der mittelalterlichen Stadtmauer. Ihrem aus wehrtechnischen Gründen mehrfach abrupt die Richtung ändernden Verlauf folgt, die alten Fundamente nutzend, seit 1806 die Neue Mainzer Straße. Als vor Jahren die Baugrube des als HR-Studio bundesweit bekannten „Maintowers“ ausgehoben wurde, konnte man kurz die heute unter Betonmassen begrabenen meterdicken Mauern einer rechtwinkligen gotischen Bastion sehen.

          Ein schmiedeeisernes Portal mitten in der Großstadt

          Wie der Straßenknick sind auch die angrenzenden Bauten unerwartete Zeugen dafür, dass Frankfurt aus mehr als nur vierzig Jahren Hochhaus-Boom besteht: Zwei Bankpaläste der Neorenaissance und zwei Geschäftshäuser des antikisierenden Monumentalismus der Jahre um 1910 flankieren die Biegung; Letztere sind Fassadenattrappen, widerwillig geschont, als 1996 die eigentlichen Häuser dem Maintower und Frankfurts erstem Apartmenthochhaus, dem „Eurotheum“, weichen mussten.

          Zehn Schritte weiter - wir befinden uns noch immer auf der Neuen Mainzer Straße - beginnt die vertraute anonyme Ödnis deutscher Innenstädte; gesichtslose Großwürfel der sechziger, siebziger und achtziger Jahre. Ausgerechnet der ödeste, ein Doppelbau, dessen beide Teile ein banaler Glassteg über eine Seitenstraße hinweg verbindet, bietet einen Lichtblick: ein schmiedeeisernes Prunkportal, zweimannshoch, umsponnen von Ranken, Spiralen und Rauten, das in der ebenerdigen offenen Vorhalle eines turmartig vom eigentlichen Baukörper abgesetzten Vierkants sitzt

          Die Gebäude sollen abgerissen werden

          Die handwerkliche Qualität und der bei aller Fülle nobel gezähmte Ornamentaufwand machen die ästhetische Erbärmlichkeit des Doppelbaus umso deutlicher. Er besteht aus zwei stereotyp gerasterten Flachdachkuben, deren Fassaden aus spiegelglatten ornamentlosen rötlichen Marmorplatten ideenlose pure Protzerei statt Einfallsreichtum und Detailfülle bieten.

          Der Komplex wird derzeit nach längerem Leerstand abgerissen; die BHF-Bank hat ihn im vorigen Jahr an Fondsmanager und Immobilienentwickler verkauft. Niemand wird ihm eine Träne nachweinen. Doch ist zu befürchten, dass in einem Zuge auch das herrliche Portal sang- und klanglos verschwindet. Auf den Entwürfen eines nicht offenen Realisierungswettbewerbs ist nämlich keine Spur von ihm zu entdecken. Dafür aber alles, was derzeit von Hamburg bis München unter dem Stichwort „gehobener Bedarf“ gängig ist: schnittige schlanke Tragegerüste aus seidigem, strahlend weiß eingefärbtem Beton und - auf Wunsch der Auslober - teils schräg, teils plan angeordneten Glasflächen, arrangiert zu mehr oder weniger kubistisch angehauchten Steckspielen aus verglasten modularen Boxen, die im Erdgeschoss Luxusboutiquen und in den oberen fünf bis sechs Etagen erstklassige Büros beherbergen sollen.

          Blick von der Neue Mainzer Straße direkt nach oben auf den Main Tower. Bilderstrecke

          Als zweite Variante der Neubebauung waren die drei geladenen Architektenteams angehalten, Hochhäuser als Kombination aus Büroetagen und hochpreisigen Wohnungen zu entwerfen. Alle griffen erwartungsgemäß zum aktuellen Nobelstandard: Vierkante, expressiv belebt durch auskeilende oder gestaffelte Partien.

          Die Architektenkammer Hessen assoziiert in einem Kommentar wohlwollend Pagoden, zitiert das Lob der Jury für das „spannende, lebendige und moderne“ Glasbox-Puzzle und die „denkmalgerechten“ Anschlüsse an das benachbarte Gebäude der Reichsbank von 1872. Denkmalgerecht? Was Bauherren in Frankfurts City wirklich von Denkmälern halten, bezeugt das Schicksal des schmiedeeisernen Portals: Das Prunkstück entstand 1891 als Eingang der Frankfurter Bank. Sie, ein Monumentalbau der Neorenaissance, wurde 1944 beschädigt und 1949 vereinfacht wieder aufgebaut.

          Portaltransfer als Geste des Repekts

          Dabei wanderte das Portal von einem eingestürzten Eckturm in die (immerhin noch) säulengeschmückte Mitte der Straßenfront. Zwischenzeitlich Stadtfiliale der BHF, wurde der Bau Ende der siebziger Jahre verkauft, abgerissen und 1981 durch den beleidigend reizlosen Citibank-Turm ersetzt. Das historische Portal wechselte währenddessen die Straßenseite und fungierte als Schmuckagraffe des Doppelbaus, der nun beseitigt wird.

          In den achtziger Jahren feierte man den Portaltransfer als Respektsgeste, und der Doppelbau, entstanden als Umbau zweier nüchtern gerasterter Würfel von 1957, wurde zur postmodernen Glanzleistung erklärt, die mit Naturstein und bewegten Konturen die Bautradition der Neuen Mainzer Straße zitiere und zeitgemäß variiere. Dreißig Jahre später ist die Achtung vor historischen Bauten auf das Zwergenformat eines angeblich „denkmalgerechten Anschlusses“ autistischer Neubauten an Denkmäler geschrumpft.

          Restauration unscheinbarster Altbauten

          Dass Letztere in Frankfurts City nur notgedrungen geduldet werden, zeigt sich an der Rückseite des Grundstücks: Dort, an einer Gasse mit dem herrlich wunderlichen Namen „Luginsland“ (er hält die Erinnerung an die erwähnte gotische Stadtbefestigung wach) wird ebenfalls gerade abgerissen - ein einstiges Mietshaus aus der Zeit um 1840, von dessen ursprünglicher Gestalt nach entstellenden Umbauten nur die ausgewogenen Proportionen und schlanke, oben abgerundete Fensterlaibungen aus Sandstein geblieben waren. Die Bauherren, die hier, in Fortsetzung der angrenzenden Luxusmeile Goethestraße, einen Neubau mit Boutiquen, Restaurants und Apartments planen, waren offenkundig blind für das Potential dieses Frankfurter Klassizismus, dem man durch Ergänzen und Freilegen wieder zur alten Schönheit hätte verhelfen können.

          Man muss bei beiden Projekten nicht, wie die sarkastischen Kommentare im Internet, vom „Schließen der letzten Shopping-Lücken“ oder von einer „Prada-Diktatur“ reden. Es genügt, das Grundrecht auf eine ansehnliche, unverwechselbare Stadt einzufordern. München oder Mailand, Städte mit weit ausgedehnteren Luxusmeilen, restaurieren längst erfolgreich auch unscheinbarste Altbauten. Dort würde man sich ein so charakteristisches Gebäude wie das am Luginsland oder eine geschichtsträchtige Kostbarkeit wie das schmiedeeiserne Portal der Frankfurter Bank nicht entgehen lassen.

          Warum nur verbindet sich in Frankfurt Profitdenken immer mehr mit Instinktlosigkeit? Warum gibt es hier keine Bauherren mit Sinn für architektonische Alleinstellungsmerkmale und keine Architekten mit Gespür für den Genius Loci und die Bautraditionen des Standorts? Die Neue Mainzer Straße, das erfahren selbst hiesige Grundschüler, war einmal Frankfurts schönste Wohnstraße. In klassizistischen Palais - ein einziges hat „am Knick“ überdauert und verdämmert dort unbeachtet seine Tage - lebten die Rothschilds und Pfeiffer-Bellis und öffnete der Bankier Johann Friedrich Städel seine Sammler-Villa. Selbst die Bankpaläste, die von 1870 an die Wohnhäuser ersetzten, paraphrasierten mit ihren Säulenfronten das Überkommene so virtuos, dass das wilhelminische Deutschland neidvoll vom „Frankfurter Stil“ sprach. Heute bietet die Frankfurter City austauschbare architektonische Trends statt Stil; eben noch schick, morgen schon rettungslos veraltet - und abbruchreif.

          Weitere Themen

          Warum ticken die Ossis so?

          Mauerfall-Debatte : Warum ticken die Ossis so?

          Der Zuspruch der AfD im Osten hat seinen Ursprung nicht zuletzt in der DDR. Weil Ostdeutsche jahrzehntelang einem Klima der Lüge und der Demütigung ausgesetzt waren. Ein Gastbeitrag.

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.