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Frankfurt reißt ab : Ende einer wirren Dienstfahrt

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Die Architektenkammer Hessen assoziiert in einem Kommentar wohlwollend Pagoden, zitiert das Lob der Jury für das „spannende, lebendige und moderne“ Glasbox-Puzzle und die „denkmalgerechten“ Anschlüsse an das benachbarte Gebäude der Reichsbank von 1872. Denkmalgerecht? Was Bauherren in Frankfurts City wirklich von Denkmälern halten, bezeugt das Schicksal des schmiedeeisernen Portals: Das Prunkstück entstand 1891 als Eingang der Frankfurter Bank. Sie, ein Monumentalbau der Neorenaissance, wurde 1944 beschädigt und 1949 vereinfacht wieder aufgebaut.

Portaltransfer als Geste des Repekts

Dabei wanderte das Portal von einem eingestürzten Eckturm in die (immerhin noch) säulengeschmückte Mitte der Straßenfront. Zwischenzeitlich Stadtfiliale der BHF, wurde der Bau Ende der siebziger Jahre verkauft, abgerissen und 1981 durch den beleidigend reizlosen Citibank-Turm ersetzt. Das historische Portal wechselte währenddessen die Straßenseite und fungierte als Schmuckagraffe des Doppelbaus, der nun beseitigt wird.

In den achtziger Jahren feierte man den Portaltransfer als Respektsgeste, und der Doppelbau, entstanden als Umbau zweier nüchtern gerasterter Würfel von 1957, wurde zur postmodernen Glanzleistung erklärt, die mit Naturstein und bewegten Konturen die Bautradition der Neuen Mainzer Straße zitiere und zeitgemäß variiere. Dreißig Jahre später ist die Achtung vor historischen Bauten auf das Zwergenformat eines angeblich „denkmalgerechten Anschlusses“ autistischer Neubauten an Denkmäler geschrumpft.

Restauration unscheinbarster Altbauten

Dass Letztere in Frankfurts City nur notgedrungen geduldet werden, zeigt sich an der Rückseite des Grundstücks: Dort, an einer Gasse mit dem herrlich wunderlichen Namen „Luginsland“ (er hält die Erinnerung an die erwähnte gotische Stadtbefestigung wach) wird ebenfalls gerade abgerissen - ein einstiges Mietshaus aus der Zeit um 1840, von dessen ursprünglicher Gestalt nach entstellenden Umbauten nur die ausgewogenen Proportionen und schlanke, oben abgerundete Fensterlaibungen aus Sandstein geblieben waren. Die Bauherren, die hier, in Fortsetzung der angrenzenden Luxusmeile Goethestraße, einen Neubau mit Boutiquen, Restaurants und Apartments planen, waren offenkundig blind für das Potential dieses Frankfurter Klassizismus, dem man durch Ergänzen und Freilegen wieder zur alten Schönheit hätte verhelfen können.

Man muss bei beiden Projekten nicht, wie die sarkastischen Kommentare im Internet, vom „Schließen der letzten Shopping-Lücken“ oder von einer „Prada-Diktatur“ reden. Es genügt, das Grundrecht auf eine ansehnliche, unverwechselbare Stadt einzufordern. München oder Mailand, Städte mit weit ausgedehnteren Luxusmeilen, restaurieren längst erfolgreich auch unscheinbarste Altbauten. Dort würde man sich ein so charakteristisches Gebäude wie das am Luginsland oder eine geschichtsträchtige Kostbarkeit wie das schmiedeeiserne Portal der Frankfurter Bank nicht entgehen lassen.

Warum nur verbindet sich in Frankfurt Profitdenken immer mehr mit Instinktlosigkeit? Warum gibt es hier keine Bauherren mit Sinn für architektonische Alleinstellungsmerkmale und keine Architekten mit Gespür für den Genius Loci und die Bautraditionen des Standorts? Die Neue Mainzer Straße, das erfahren selbst hiesige Grundschüler, war einmal Frankfurts schönste Wohnstraße. In klassizistischen Palais - ein einziges hat „am Knick“ überdauert und verdämmert dort unbeachtet seine Tage - lebten die Rothschilds und Pfeiffer-Bellis und öffnete der Bankier Johann Friedrich Städel seine Sammler-Villa. Selbst die Bankpaläste, die von 1870 an die Wohnhäuser ersetzten, paraphrasierten mit ihren Säulenfronten das Überkommene so virtuos, dass das wilhelminische Deutschland neidvoll vom „Frankfurter Stil“ sprach. Heute bietet die Frankfurter City austauschbare architektonische Trends statt Stil; eben noch schick, morgen schon rettungslos veraltet - und abbruchreif.

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