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Frankfurt baut den Wandel : Kunst versüßt keinen Abschied

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Drei Monate Galgenfrist: Die Degussa von 1951, kurzzeitig MMK-Filiale Bild: Frank Röth

Zum zwanzigjährigen Jubiläum stellt Frankfurts MMK seine Werke nicht nur im edlen Stammhaus, sondern auch in einem Büro-Riesen der fünfziger Jahre aus. Dessen Tage sind gezählt.

          4 Min.

          Wer würde glauben, dass ein heruntergekommener Verwaltungsbau der fünfziger Jahre sich über Nacht zum idealen Museum zeitgenössischer Kunst wandeln kann? Im Frankfurter Degussa-Komplex (Deutsche Gold- und Silber Scheide-Anstalt) kann man sich ab Sonntag vom Gegenteil überzeugen. Der weitläufige Bau am Mainufer bietet Säle und Kabinette, lichtdurchflutete und verdunkelte Räume in Hülle und Fülle, dazu ein Café, (untergebracht im einstigen Kasino, zugleich begehbares Kunstwerk Tobias Rehbergers), sowie eine Terrasse mit Panoramablick auf den üppig grünen Mainkai samt Film-, Architektur- und Weltkulturen-Museum am jenseitigen Museumsufer.

          An ihrer Nord- und Westseite wird die Terrasse gerahmt von den Fassaden des Kerngebäudes der Degussa. 1951 entstanden, besteht es aus zwei L-förmig geordneten, maßvoll hohen Hochhausscheiben und ist verkleidet mit hellem Travertin, der das tragende Stahlskelett zu federnden Pfeilerfolgen wandelt, zwischen denen hochrechteckige Fenster mit Travertinbrüstungen den Kontrapunkt zum Rhythmus der Fassaden liefern.

          Der auf den Main zulaufende Trakt schwebt als Arkade und modernes Stadttor über der Uferstraße. Getragen wird er von vier stämmigen Rundpfeilern, die den ehemaligen Haupteingang markieren. Sie sind ebenfalls mit Travertin ummantelt, schlicht, elegant, zeitlos. Ein begeisterndes Detail (welcher Steinschleifer wagt heute noch derart komplizierte Rundungen), ebenso wie die östliche Sockelwand des Terrassen-Pavillons im inneren L-Winkel, die diskret vom Travertin zum ortstypischen Rotsandstein wechselt, wie ihn die ummauerten Hochbeete und Freisitze der angrenzenden Wohnzeilen von 1953 zeigen.

          Ein diplomatischer Schachzug

          Besucher der MMK-Ausstellung werden weitere Kleinode entdecken: Die zwei Treppenhäuser beispielsweise mit zeittypischen geschmeidigen Handläufen, grazilen Messinggittern und Stufen aus poliertem Jura-Marmor. Das nördliche Treppenhaus ist in einem für die Nierentisch-Ära charakteristischen, verglasten Halbzylinder untergebracht. Ehemalige Vorstandszimmer bezeugen mit herrlich gemaserter Teakholzvertäfelung die Liebe des Wirtschaftswunders zu edler skandinavischer Schlichtheit.

          Drei Monate kann man dank des Mäzenatentums der neuen Besitzer, der DIC (Deutsche Immobilien Chancen AG), all das genießen. Dann wird abgerissen für das „Maintor“, ein Stadtquartier, bestehend aus zwei Hochhäusern, zwei Fast-Hochhäusern, sieben „Palazzi“ (Kuben für Luxuswohnungen) sowie zwei Geschäfts- und Büroblocks. Die Architekten Jürgen Engel, Christoph Mäckler und Jo Franzke bürgen für solide Qualität – dass viele ihrer Natursteinfassaden in Rhythmus und Proportion an den zum Abbruch bestimmten Altbau erinnern, verwundert nicht: Die zeitgenössische „Zweite Moderne“ ist generell orientiert am Besten der Wiederaufbau-Moderne.

          Als 2008 nach dem Auszug der Degussa über die Zukunft des Geländes beraten worden war, hatte sich lange der Vorschlag gehalten, dort die Erweiterung des Museums der Weltkulturen anzusiedeln. Das Projekt zerschlug sich. Darauf anspielend, sprach Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth während der Pressekonferenz zur MMK-Jubiläumsausstellug von Frankfurts ewiger Lust am „ständigen Wandel“, die sich nicht nur in der dauerhaften Sympathie für Gegenwartskunst, sondern ebenso im permanenten Umbau der Stadt spiegele. Nicht zuletzt war das auch ein diplomatischer Schachzug, um eventuellem Unmut über den bevorstehenden Abriss der auch als Museum vorzüglichen Fünfziger-Jahre-Architektur den Wind aus den Segeln zu nehmen.

          Kurioser Erker

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