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Zum Tode von Frank Schirrmacher : Ein sehr, sehr treuer Freund

  • -Aktualisiert am

Frank Schirrmacher Bild: Tim Wegner/laif

Er war ein Mensch von überbordender Intelligenz und großer Herzenswärme, voll ewiger Neugier auf Widerspruch. Eine Erinnerung.

          2 Min.

          Erinnerungen an das erste Mal: ein entfernter, beiderseits knapper Gruß vor etwa einem Jahrzehnt, als wir uns zufällig bei einem Spaziergang im von ihm so geliebten Potsdam-Sacrow begegneten. Frank Schirrmacher war kein Draufgänger, der sich an die Menschen heranschmiss. Er war eher scheu und diskret und erst, wenn er Vertrauen gefasst hatte, zuweilen sogar von rührender Hilflosigkeit, die er ohne jeden Argwohn offen eingestand. Eine seiner stets von schärfstem Verstand gekennzeichneten Analysen mit dem Hinweis zu unterbrechen, dass er zwischendurch mal sein Hemd in die verwaschene Hose stecken solle, konterte er mit dem Geständnis, sein Outfit ohnehin nur von Tchibo zu beziehen, das dem Träger dann doch keine besondere Eleganz abnötige.

          Er trug seinen wachen Geist, die überbordende Intelligenz und seine gleichzeitig immer spürbare Herzenswärme nie vor sich her. Trotzdem war er in seinem Urteil eindeutig: Er nannte viele „schreckliche Menschen“ beim Namen. Gleichzeitig war er völlig ideologiefrei und immer bereit, seine Meinung zu ändern. Frank Schirrmacher litt nicht nur in kleinem Kreis an der Welt – und stürzte sich gleichzeitig lustvoll in jede Diskussion, um vor allem Politikern klarzumachen, dass populistische Ideen und das Fehlen jeder Vision die Res publica überhaupt nicht und ihre Repräsentanten nur kurzfristig nach vorne bringen.

          Dann müssen wir uns nicht mehr verkleiden

          Seine ewige Neugier auf Widerspruch, ausgefallene Ideen und jede Form von Nonkonformismus hat mich immer wieder fasziniert. Wer ihm um 2.42 Uhr in der Früh eine SMS sandte, konnte zumeist mit einer Antwort vor dem Morgengrauen rechnen. Nie gerierte er sich als Besserwisser – der er natürlich in Wirklichkeit war –, sondern blieb in seinem Wissensdurst fast kindlich naiv. Er freute sich, wenn einem Gast der von ihm kredenzte Wein schmeckte, um Stunden später zu erfragen, wie man denn eigentlich den Lidl-Pinot-Grigio von einem großen Riesling unterscheiden könne.

          Frank Schirrmacher mit Günther Jauch am Rande der Verleihung des Börne-Preises 2009

          Immer war er auf der Suche nach neuen Erkenntnissen, um die ihm zuweilen ewig träge erscheinende Gesellschaft nach vorne zu bringen. Walter Benjamins Definition vom „fertigen Werk als der Totenmaske der Konzeption“ schien ihn rastlos anzutreiben, immer neue Debatten anzustoßen – von den demographischen Veränderungen bis zu seiner letzten großen Sorge, dass Google und Co. uns auf so gefährliche Weise beherrschen werden, wie wir uns das noch gar nicht vorstellen können.

          Dieser Mann war etwas ganz Besonderes. Ein brillanter Intellektueller, gewiss. Aber gleichzeitig ein origineller, humorvoller und vor allem sehr, sehr treuer Freund. Und gerade deshalb bin ich über seinen plötzlichen Tod so unendlich traurig. Aber dann schaue ich auf ein Foto, das vor einigen Monaten entstand. Wir waren beide auf ein sehr schönes Fest geladen, das nur einen Nachteil hatte: Es bestand Verkleidungszwang und uns verband (nicht nur) die Aversion gegen Maskenbälle.

          Tapfer entschieden wir uns trotzdem für uns gemäße Kostüme: Er bestand auf dem Outfit eines Ordnungshüters mit Pickelhaube aus der nur vermeintlich besseren Zeit kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende, und ich gab den West-Berliner Schupo aus den sechziger Jahren. Keiner war lächerlicher verkleidet als wir, und so beschlossen wir am Ende des Abends, künftig gemeinsam nur noch als Dick und Doof bei den einschlägigen Kostümfesten einzulaufen. Frank hielt das für eine glänzende Idee: „Dann müssen wir uns auch nicht mehr verkleiden.“

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