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Erinnerung an Frank Schirrmacher : Wahnsinn! Hinfahren!

Der Enthusiast Frank Schirrmacher Bild: LAIF

Man traf ihn nie müde: Frank Schirrmacher war ein abenteuerliches Herz. Wenn ihn etwas elektrisierte, gab es für ihn kein Hindernis.

          2 Min.

          Manchmal, wenn man am Morgen aufwachte, konnte es sein, dass auf dem Display des Mobiltelefons eine ungelesene Nachricht gemeldet wurde, gesendet um 2.40 Uhr in der Nacht: Dies sei eine irre Geschichte, das müsse man sich eigentlich sofort anschauen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Frank Schirrmacher arbeitete oft nachts; er fand eine Spur im Netz, hatte mit jemandem in Kalifornien telefoniert, etwas gehört, das verfolgt, recherchiert, herausgefunden werden musste, und schon saß man im Zug, im Auto, im Flugzeug: Am 14. September 2001 nach Hamburg, wo zu Hause bei einem Professor in Heimfeld das zweite Exemplar der Diplomarbeit des Attentäters Mohammed Atta lag, eine Arbeit über Städtebau in Aleppo; im gleichen Jahr nach Montreal, wo man dann bei einem Kaffee mit dem Sektenführer Claude Vorilhon saß, der einmal als Schlagersänger in Frankreich lebte, bevor er sich Rael nannte, weiße Kleidung anlegte, eine Art Eigenhaarantenne auf seinem Kopf trug und seiner zahlreichen Jüngerschaft die Rückkehr der außerirdischen Raelianer prophezeite - und, das hatte Frank Schirrmacher herausgefunden, mit dem Geld der verrückten Ufo-Sekte ein ernstzunehmendes Labor für gentechnische Experimente finanzierte, das versuchte, menschliches Erbgut zu klonen und von den Behörden in den Vereinigten Staaten dichtgemacht worden war, weswegen es sich in Kanada angesiedelt hatte.

          Es waren diese Themen, die ihn elektrisierten: Dinge, die unbeobachtet an den Rändern wuchsen, um plötzlich ins Zentrum der Gegenwart zu brechen - und wer immer auf solch einer Spur war, wurde von ihm mit einer Großzügigkeit gefördert, ermutigt und unterstützt, die man selten findet.

          Gegen die bequeme Skepsis

          Man traf ihn fast nie müde an: Wenn er in der Berliner Redaktion auftauchte, wo er meist im Konferenzraum unter einer Fotografie unseres vor drei Jahren verstorbenen Freundes und Kollegen Michael Althen saß, hatte er etwas unüblich Frisches und Energetisches an sich, als sei er gerade eine Strecke geschwommen und, soeben dem Wasser entstiegen, auf dem Weg zu einem neuen Abenteuer: Was passiert als Nächstes? Was geschieht gerade? Diese Hellwachheit war die extremste Gegenposition zu einer Attitüde im Journalismus, die auf Neuigkeiten und Außergewöhnliches mit einer schwerfällig-bequemlichen Skepsis oder zurückgelehnter Häme reagiert und Herausragendes gern in den Brei des Mittelmaßes zurückstampft: Das ist doch gar nicht so neu. „Der kocht auch nur mit Wasser.“ Das gab es schon hundertmal.

          Was man von Frank Schirrmacher lernen konnte, war das Gegenteil: Der euphorische, überwache Blick auf das, was passiert, eine freudige oder alarmierte Aufgeregtheit, die Elektrisierbarkeit angesichts dessen, was an Chancen und Gefahren sichtbar wird, wenn man genau in den Maschinenraum der Gegenwart schaut; ein Möglichkeitssinn und ein Bewusstsein dafür, dass alles ganz anders werden könnte - im Positiven wie im Negativen. Unvergessen ist, wie er nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima einen Kollegen, der als Anhänger der Kernkraft bekannt war, freundlich, aber unnachgiebig befragte: Ist es ausgeschlossen, dass so etwas in Deutschland passieren könnte? - Nein. Und wie weit ist das nächste Kernkraftwerk von Frankfurt entfernt? Was würde es bedeuten, wenn ein ähnliches Unglück wie in Fukushima hier einträte? Es waren diese Fragen, die Aufklärung im besten Sinne waren und Lobbybehauptungen als solche entlarvten; es war auch Frank Schirrmacher, der den Pro-Atomkurs noch vor Angela Merkel wirkungsvoll in Frage stellte und einem Milieu zu denken gab, das Kritik am Atom bisher für Angstmacherei schlecht informierter Ökos hielt - und der so zu einem tatsächlichen Politikwandel beitrug.

          Eine der letzten SMS, die wir erhielten, lautet: „Wahnsinn! Unbedingt hinfahren“. Dass Frank Schirrmacher in der Berliner Redaktion war, konnte man daran erkennen, dass draußen auf der Straße sein alter Geländewagen parkte, ein seit 1979 gebautes Modell, mit dem man, anders als mit den meisten modernen SUVs, tatsächlich durch Schlamm und Sand fahren kann und auch vorankäme, wenn alle Straßen von einem Erdbeben oder einer Flut verschluckt würden. Es parkte da wie das Versprechen, der Vorbote eines ganz anderen, abenteuerlichen Lebens jenseits der geteerten Pisten - und war so vielleicht auch ein Bild für das Denken, für das Frank Schirrmacher stand.

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