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Erinnerung an Frank Schirrmacher : Danke, Frank

  • -Aktualisiert am

Frank Schirrmacher Bild: Helmut Fricke

Frank Schirrmacher hat emotionale Debatten versachlicht und den Weg zur Normalität zwischen Juden und Nichtjuden mit seismographischem Gespür bereitet. Eine Danksagung.

          2 Min.

          Ende der neunziger Jahre traf ich mich von Zeit zu Zeit mit Frank Schirrmacher in einem Frankfurter Restaurant zum Mittagessen. Dabei durchstreiften wir sowohl aktuelle Tagesthemen als auch grundsätzliche Gegenwartsfragen. Das war kurzweilig, erhellend und stets unterhaltsam - vor allem, wenn wir auf Marcel Reich-Ranicki, über den wir uns kennengelernt hatten, zu sprechen kamen. Zu ihm, vor allem aber zu Tosia Reich-Ranicki, hatte Frank Schirrmacher ein besonderes Verhältnis. Unvergessen bleibt für mich die dezente, ja zartfühlende, aber umso eindringlichere Weise, in der Frank Schirrmacher Tosia Reich-Ranicki nach ihrem Tod im April 2011 geehrt hat; solche Porträts verstand er immer auch als Verneigung vor Zeitzeugen der nationalsozialistischen Judenvernichtung.

          Vermutlich war die Reaktion von Frank Schirrmacher auf Martin Walsers Buch „Tod eines Kritikers“ eine solche Geste der Loyalität gegenüber Marcel Reich-Ranicki. Diskret, mit der nötigen Distanz, aber eben auch mit Herzenswärme, stellte er sich schützend an die Seite des Holocaust-Überlebenden. Frank Schirrmacher hat damals unter Beweis gestellt, dass das mediale Frühwarnsystem im Hinblick auf antisemitische Untertöne und Stereotype funktionieren kann.

          Der Weg zur Normalität

          Eine ähnliche Haltung hatte er in der sogenannten „Walser-Bubis-Debatte“ eingenommen. Das Streitgespräch zwischen Bubis und Walser trug Züge einer öffentlichen Aussprache über Vorurteile, Befindlichkeiten und selbst auferlegte Denkverbote. Es war besonders Frank Schirrmacher, der mit klugen Beiträgen mithalf, diese emotional aufgeladene Debatte zu versachlichen.

          Sein seismographisches Gespür für antisemitische Untertöne hatte Schirrmacher zuletzt anhand des „Israel-Gedichtes“ von Günter Grass gezeigt. In einer eindeutigen Stellungnahme analysierte er, nein, enttarnte Frank Schirrmacher den mit antijüdischer Israel-Kritik gespickten, in Reimen abgefassten Beitrag des Nobelpreisträgers als „lyrischen Etikettenschwindel“.

          Sowohl die von Schirrmacher publizistisch begleitete „Walser-Bubis-Kontroverse“ als auch seine ablehnende Stellungnahme zum Gedicht von Günter Grass zogen ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit auf sich, weil die daran Beteiligten Stellvertreterdebatten für viele Menschen in Deutschland zu führen schienen. Somit könnten diese öffentlich ausgetragenen Kontroversen schmerzliche, aber notwendige Umwege hin zu einer pragmatischen Normalität zwischen Juden und Nichtjuden in diesem Land gewesen sein. Frank Schirrmacher hat dies frühzeitig erkannt und war damit ein unauffälliger, aber erfolgreicher Wegbereiter hin zu dieser immer noch ausstehenden „Normalität“ zwischen den Nachkommen der Opfer und denen der Täter - danke, Frank.

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