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Martin Walser über Frank Schirrmacher : Jähes Leben, jäher Tod

  • -Aktualisiert am

Martin Walser (links) bei einer Berliner Diskussion im Februar 2010 mit dem Moderator Denis Scheck (Mitte) und Frank Schirrmacher Bild: Zimmermann Julia

Er hat von Überraschungen gelebt. Vielleicht hat sich Frank Schirrmacher oft auch selbst überrascht. Vielleicht hat er sich selbst zu sehr gehetzt. Hätte ich ihn öfter gesehen, ich hätte versucht, ihn zu bremsen.

          Es ist mehr als eine Gewohnheit, es ist eine Erfahrung: Menschen, die ich nicht andauernd sehe, bleiben mir dann so in Erinnerung, wie ich sie zuerst sah. Am Anfang einer Bekanntschaft. Und was auch immer noch an neuer Erfahrung dazukommt, die am Anfang erlebten Eindrücke sind durch keine spätere Erfahrung zu löschen.

          Frank Schirrmacher wurde im Dezember 1986 beauftragt, mich von der Klettenbergstraße, vom Haus Unseld, abzuholen, mich nach Kronberg zu bringen. In meinem Tagebuch lese ich: Abends bei Fest. Mit dem jungen Talent, Fests Assistent, hinausgefahren.

          Meine Erinnerung weiß es genauer. Mit Schirrmachers Auto. Da es sich um ein sehr kleines Auto handelte, wirkte der, der es fuhr, riesig. Geblieben ist mir vor allem sein Gesicht. Ich hatte damals keinen beruflichen Kontakt zu ihm. Er musste mich fahren, und ich sah, dass ich von einem Kind kutschiert wurde.

          Abenteuerlich sprunghafte Themenfindung

          Inzwischen ist es längst eine Gewohnheit, dass ich in Gesichtern älterer Menschen immer danach suche, wie diese Gesichter in der Kindheit ausgesehen haben müssen. Und zu dieser Gewohnheit gehört: Je deutlicher mir in einem Gesicht das Kindergesicht entgegenkommt, umso mehr glaube ich, mit diesem Menschen etwas anfangen zu können.

          Bei Schirrmacher war es kein Problem, das Kind zu entdecken. Und auch in Zeiten, in denen ich mich mit ihm nicht mehr wolkenlos verstand, ist sein auffallend gegenwärtig gebliebener Kindheits-Ausdruck sozusagen anrufbar geblieben.

          Zur Praxis meiner Kindheitssuche in erwachsenen Gesichtern gehört es, dass mir zum Beispiel Schirrmachers abenteuerlich sprunghafte Themenfindungen samt deren öffentlicher Ausbeutung immer wieder daherkamen als reine Kindheits-Performance - um gleich in die ihm entsprechende Vokabelkiste zu greifen.

          Ich weiß nicht, wie ihn die erlebten, die andauernd mit ihm oder gegen ihn zu tun hatten. Ich weiß nur, dass er in meinem Zuschauer-Bewusstsein nie als reifer Mann gewirkt hat. Zu reifen - das mag auch für das und das gut sein. Schirrmacher hat von Überraschungen gelebt. So wie eben Kinder uns von einer Überraschung in die nächste jagen. Und wenn sie uns nicht mehr überraschen, sind sie erwachsen. Dann kann man mit ihnen rechnen, auf sie zählen.

          Ich hatte in keiner Phase unserer gelegentlichen beruflichen Kontakte das Gefühl, ich könne mich auf ihn wie auf einen Parteifreund verlassen. Auch wenn er dann FÜR mich war, war er immer seine eigene Partei. Und das war, weil er immer hervorragend sachlich operierte, sowohl sympathisch wie achtenswert. Dass er im Jahr 2002 Reich-Ranicki mir vorzog, verstehe ich heute besser als damals.

          Ich hatte nicht genügend Kontakt mit Schirrmacher, um behaupten zu können, er habe auch sich selbst immer wieder überrascht. Dann musste er seinem jeweils neuesten Einfall entsprechen, das kann anstrengend gewesen sein. Ohne dass ihn einer hetzte, hat er sich vielleicht selbst gehetzt. Mit dieser Vermutung will ich nur sagen, er ist so überraschend gestorben, wie er gelebt hat. Jäh! Da denkt man unwillkürlich: Wenn ich ihn öfter gesehen hätte, hätte ich versucht, ihn zu bremsen. So aber kommt die nackte Nachricht ins Haus. Und ich bin bestürzt.

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