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Erinnerung an Frank Schirrmacher : Die Prämisse jeglichen Urteilens

  • -Aktualisiert am

Frank Schirrmacher im August 1991 Bild: picture-alliance/ dpa

Ein Gesicht, ein Satz, eine gemeinsame Begegnung mit dem französischen Philosophen Lyotard: Wie der ganz junge Frank Schirrmacher die Herausforderung der Gegenwart begriffen hat.

          In den vergangenen Jahren, die jetzt seine letzten geworden sind, hatten sich herbere Konturen in das etwas zu runde Gesicht von Frank Schirrmacher geprägt. Die vorschnellen Halb-Intellektuellen des Landes hatten dieses Gesicht, Schirrmachers Kraft und leidenschaftliche Intelligenz nicht einmal ahnend, eine Zeit lang als „Babyface“ verspottet, nachdem er 1994 mit vierunddreißig Jahren Kultur-Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen wurde.

          Die ganze Zeit hat es jenes Gesicht der Jugend gegeben, an das ich mich von einem heißen Sommernachmittag Ende der achtziger Jahre erinnere. Wir waren gerade aus dem alten F.A.Z.-Gebäude auf die Mainzer Landstraße gekommen, und er sagte: „Ich liebe diese Zeitung.“ Genau diese Worte, die damals etwas geschmacklos emphatisch klangen. Vorher hatte er von den drei Literaturkritikern aus der Tradition der Zeitung, die seine Vorbilder waren, mit derselben grenzenlosen Begeisterung gesprochen: Karl Heinz Bohrer vor allem, Marcel Reich-Ranicki und Dolf Sternberger.

          Er hat diesen Gedanken verkörpert

          Um über Grenzen, Konventionen und ihre Rituale nachzudenken, schien selbst der junge Frank Schirrmacher keine Zeit zu haben. Er war schon immer beim nächsten Gedanken, der nächsten Cola und der nächsten Zigarette. Ob ich ein Gespräch mit dem Philosophen Jean-François Lyotard für die Zeitung vereinbaren könnte, wenn er demnächst auf eine kurze Gastprofessur nach Siegen käme. Ich fühlte mich dauernd eingespannt von meinem Doktoranden, das war er damals auch - und sehr gerne, will ich zugeben. Ein paar Wochen später kam ich mit Lyotard nach Frankfurt und, Gustav Seibt wird sich erinnern, wir sprachen zwei Stunden lang ganz konzentriert in der Redaktion. Lyotard sagte, dass jene Bedingung, die Kant als spezifisch für das ästhetische Urteil identifiziert habe, nämlich ohne feste Kriterien unterscheiden zu müssen, nun zur Prämisse jeglichen Urteilens geworden sei. Schirrmacher war fasziniert von diesem Satz. Dann sei also urteilen zu müssen ohne feste Kriterien die Herausforderung unserer Gegenwart.

          Noch auf dem Weg zum Städel, wo er sich plötzlich von uns verabschiedete (es sei noch etwas zu schreiben für die Ausgabe von morgen), war Frank Schirrmacher besessen von Lyotards These. Unser Gespräch ist meines Wissens nie aufgeschrieben und schon gar nicht gedruckt worden. Aber ich habe Schirrmacher nie gesehen in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten, ohne zu denken, dass er Lyotards Gedanken verkörperte: urteilen zu müssen, oft unter dem Druck und der Drohung erheblicher Konsequenzen, ohne sichere Kriterien haben zu können. Das war seine Lebensform des Journalismus und auch die schöne Prämisse der Freundschaft und des Vertrauens zu ihm. Für eher dysfunktionale Gesten der Freundschaft hatte dieser großartige Mann mit dem Gesicht eines Jungen bis zuletzt keine Zeit.

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