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Frank Schirrmacher zum Gedenken : Ein freier, glücklicher Denker

  • -Aktualisiert am

In tiefer Trauer um Frank Schirrmacher: Kollegiale Betrachtungen unter Schock am Tag danach.

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          Frank Schirrmachers Lebensthema war die Freiheit. Nichts genoss er mehr als die Vielfalt ihrer kulturellen und sozialen Manifestationen wie die Überraschung, das Geheimnis, den Witz oder die Reise. Nie ermüdete seine Freude daran, zu sehen, wie Menschen sich ihrer Freiheit bedienten, um etwas Neues zu schaffen, die Erwartungen zu unterlaufen und andere zu verblüffen.

          Damit verband er – seine wohlbekannte Lust an der düsteren Prophezeiung, die die Anwesenden wohlig im Schaudern vereint, war ein Aspekt davon – die Liebe zum Leben selbst. Und wie verschämt, als würde ihm dieses Eingeständnis Unglück bringen, seufzte er, wie sehr er einen Beruf liebt, der selbst ein Beweis der Freiheit ist.

          In gerechten Zorn trieb ihn umgekehrt die Beobachtung, wenn es sich Zeitgenossen in den Üblichkeiten des Denkens und Schreibens bequem gemacht hatten und im wohligen Bewusstsein, auf der richtigen Seite abzuhängen, herausfordernd stupide in der Hängematte schaukelten.

          Sein wichtigster Wesenszug - die Großzügigkeit

          Schirrmacher war allergisch gegen Langeweile. Dabei hatte er sich an einen solchen Level von Nachrichten, Botschaften und Sensationen gewöhnt, dass man als sein Mitarbeiter im Alltag dieser Redaktion nicht anders konnte, als ihn dann und wann zu langweilen. Er schaute dann, dabei dennoch um Freundlichkeit bemüht, ganz traurig, als hätte man ihm zum Geburtstag eines seiner eigenen Werke geschenkt.

          Seine Form der Höflichkeit war es, sein Gegenüber in Erstaunen oder in Angst und Schrecken zu versetzen, stets zu amüsieren und nie zu entlassen, ohne dass man etwas zu erzählen hatte. Wie bei Jean-Paul Sartre, den er heftig, aber von Ferne und mehr des Habitus wegen bewunderte, war sein wichtigster Wesenszug die Großzügigkeit.

          Wenn er seine Freiheit nutzen konnte, um anderen, Schwächeren, Zaghafteren Sicherheit zu geben, war er ganz bei sich. Oft nutzte er seine beträchtliche Überzeugungskraft, um seinen Besuchern einen Pfad durch ihr Leben aufzuzeigen, den sie noch nicht erkannt hatten, eine glänzende Zukunft zu prophezeien, bis alle ganz berauscht waren von der Aussicht auf all die Dinge, die man gemeinsam anstellen würde. Und dann arbeitete er daran, oft jahrelang.

          Arbeit war ihm ein Genuss

          Die leichte Floskel vom Genie, das womöglich mit einem Gespür für Themen und Texte zur Welt kam, verkennt, dass er irre fleißig, ein zu sich selbst gnadenloser Arbeiter war. Nächtelang las und schrieb er und animierte dann wieder den ganzen Tag dieses Feuilleton und die ganze Republik.

          Schirrmacher unternahm keine Reise, von der er nicht reichen publizistischen Ertrag nach Hause brachte. Uns konnten die tollsten Sachen widerfahren, von denen er aber vor allem wissen wollte, wie sie der Zeitung etwas bringen könnten. Er stoppte jede Klage über die Marotten eines Kollegen, wenn der einen guten Artikel schrieb. Da konnte Schirrmacher nicht widerstehen und seine Fähigkeit, Arbeiten von anderen gut zu finden, war sehr ausgeprägt.

          Arbeit war ihm ein Genuss; aber das war natürlich nicht die einzige Form, in der er sich des Lebens freute. Er machte sich nichts aus aufwendigem Essen, aber wenn er spürte, dass es seinen Tischgenossen schmeckte, war auch er restlos begeistert. Ja, er freute sich auch dann noch, wenn er sich eigentlich sehr ärgerte, und fand selbst in der Verzweiflung, wenn er geliebte Menschen zu Grabe tragen musste, noch irgendwo eine Quelle der Kraft.

          Nichts aber übertraf die Liebe zu seiner Frau und seinen Kindern. Das war sein großes Geheimnis: Über die Dinge, die ihm heilig waren, sprach er wenig, als würde er sie sonst gefährden. Er teilte dieses Heiligtum auf andere Weise, denn er freute sich diebisch mit jedem, der sich auf eine je eigene Weise des Lebens, der Familie und an der Zeitgenossenschaft zu erfreuen verstand.

          Man muss sich Frank Schirrmacher als glücklichen Menschen vorstellen. Nun sitzen wir vor pervers stillen Mobiltelefonen, so unglücklich. Er hätte gesagt: „Kopf hoch“. Leichter gesagt als getan.

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