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Frank Schirrmacher : Ein Bürger des Abendlands

  • -Aktualisiert am

Rom, Kolosseum Bild: dpa

Die Neugierde des stets am Allerneuesten interessierten Frank Schirrmacher gründete in einem profunden und nahezu klassischen Verständnis der großen abendländischen Philosophie und Dichtung.

          6 Min.

          Sein unergründlicher Blick auf die Ruinen des Römischen Reiches ist noch ganz auf dieser Welt. Unweit vom Kolosseum saß Frank Schirrmacher in einem einfachen Café und nahm, wie er das immer machte, die Essenz einer ganzen Epoche, ihre Blüte und ihren Untergang gleichermaßen, in Sekundenschnelle auf. Schnupperte kundig am Abendland und schaute dabei mit diesem Epochenblick in eine unbehauste Zukunft, die er sich fast noch plastischer vorstellen konnte als die steinernen Relikte der Vergangenheit.

          Wie mit einem rastlosen Scanner informierte er sich zügig über neueste Ausgrabungen, über den gewaltsamen Anteil Mussolinis an der Entvölkerung des Forums, über die Topographie der Wohnhäuser von Augustus und Nero, über die Triumphbögen von Imperatoren, deren Reich es längst nicht mehr gibt. Das war am vergangenen Samstag. Das war in einer anderen Zeit.

          In den Nachrufen auf sein viel zu kurzes Leben ist zu Recht von Frank Schirrmachers unvorstellbarer Vorstellungskraft für Kommendes die Rede. Er konnte wie kein Zweiter beschreiben, wie sich die Grammatik unseres Denkens unter dem Diktat des Internets unwiederbringlich wandelt. Wie Informatik und Biologie nach der Essenz unserer Freiheit greifen. Wie unser Konzept von Individualität sich gerade buchstäblich verflüssigt. Wieso das recht eigentlich schon nicht mehr zu stoppen ist. Und warum man es trotzdem mit aller Kraft versuchen muss.

          Vom allzu Offensichtlichen schnell gelangweilt

          Doch das alles mochte er, konnte er nicht denken ohne die Verankerung in der abendländischen Tradition. Vielleicht war es gerade diese Faszination durch das Gewesene und Gestaltete, die Frank Schirrmacher seinen Adlerblick quer durch Morgenröten und Untergänge ganzer Kulturen erst ermöglichte. Ebenso, wie ihn die taufrischen Patente und Algorithmen amerikanischer Internetgurus fesselten, war er magisch angezogen von der anderen Seite des Pendels: griechischen Tempeln, römischen Grabungsfeldern, Kathedralen oder dem Pantheon, zu dessen Riesensäulen im Pronaos stets der erste Gang in Rom führte - und nicht, weil seine Lieblings-Osteria direkt gegenüber liegt.

          Es war nicht immer möglich, exakt zu definieren, wo sich Frank Schirrmacher gerade befand. Man konnte mit ihm in Monreale auf den Hügeln vor Palermo durch die Kreuzgänge der Normannenkönige schlendern, und plötzlich warf er mit einem Blick auf sein Smartphone die Gestaltung der ersten Feuilletonseite des kommenden Tages um. Anderes Foto, anderes Layout, anderer Text. Und wenn man dann hinterher dachte, hier sei einer wohl nicht ganz bei der Sache gewesen, zog er noch nach Monaten die Details des Gespräches aus dem Gedächtnis hervor und sprach kundig und mit ganz neuen Akzenten von der Akkulturation der Wikinger im arabisch geprägten Süden.

          Nur die Vergangenheit zu beackern, nur im Schönen des Heute zu schwelgen oder nur durch die Zukunft zu streifen - das waren keine Alternativen für jemanden wie ihn, der von allzu Offensichtlichem schnell gelangweilt schien. Er brauchte eben beides. Und er zog aus dem Auf und Ab der Epochen seine Maßstäbe für das Tagesgeschäft. Was dann wieder viele Mitschwimmer im Strom der Zeit wunderte, weil sie sich, anders als er, vom Ephemeren hatten blenden lassen.

          Dieses unwirsche Misstrauen gegenüber dem Bestehenden

          Jacob Burckhardt hat einmal die Arbeitsgrundlage jedes guten Historikers definiert: Er muss aus einem zertrümmerten Kapitell im Geiste einen ganzen Tempel errichten. Bei Frank Schirrmacher funktionierte der Prozess aber auch umgekehrt. Er konnte in jedem Hochhaus, in jeder Stadt, in jeder blühenden Landschaft das künftige Ruinenfeld sehen. Und was heute unumstößlich und wahr erscheint, zerlegte er spielend und fragte sich: Könnte es nicht auch ganz anders sein? Könnte nicht unsere zufriedene Gewissheit des Funktionierens der Welt den Keim bilden für einen späteren Zusammenbruch?

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