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Zum Tode von Frank Schirrmacher : Der Überwältiger

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Frank Schirrmacher, geboren 5. September 1959, gestorben 12. Juni 2014 Bild: laif

Frank Schirrmacher war Journalist mit Leib und Seele. Er wollte der Gesellschaft ihre Probleme nicht nur erklären, er wollte sie erzählen. Die großen gesellschaftlichen Fragen fasste er in Bilder, er stellte sie szenisch und dramaturgisch-dramatisch dar. Mit ihm ist ein „public intellectual“ gestorben, wie es sonst kaum einen anderen in der Republik gibt.

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          Er wurde mitten aus dem Leben gerissen, und das hieß bei ihm vor allem: mitten aus der Arbeit, mitten aus dem Journalismus. Noch in dieser Woche hat Frank Schirrmacher als Jahresvorsitzender des Herausgebergremiums Sitzungen geleitet. Das war bei ihm kein bürokratischer Akt, die Punkte der Tagesordnung arbeitete er eher mit einer gewissen Nonchalance ab. Aber wenn er im alltäglichen Detail des Zeitungsgeschäftes die Spuren des Großen und Ganzen sah – und seine Fähigkeit dazu war phänomenal –, dann blühte er auf, dann wurde jede Diskussion, die er mit seinen Anstößen, Ideen und Gedankenspielen belebte, zum intellektuellen Ereignis. Er sprühte bis zum letzten Tag vor Einfallsreichtum und Energie. Kein Anzeichen war zu erkennen, das auf einen plötzlichen Tod hätte hindeuten können. Umso größer ist das Entsetzen unter seinen Kollegen.

          „Wir sind doch Journalisten“, war einer der Sätze, die er immer wieder sagte. Und er war Journalist mit Leib und Seele. Schirrmacher war als ehemaliger Chef des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (in der Nachfolge von Marcel Reich-Ranicki) literarisch hochgebildet, hatte aber nie den Ehrgeiz, einen Roman zu schreiben. Er war historisch außergewöhnlich interessiert und informiert, aber er sah sich in keiner Weise als Konkurrent der zünftigen Historiker. Journalist sein hieß für Schirrmacher vor allem: wirken wollen. Seine Methode, um Wirkung zu erzielen, war einmalig. Er wollte dem Publikum, ja der Gesellschaft, ihre Probleme nicht nur erklären, er wollte sie erzählen. Schirrmacher konnte die großen gesellschaftlichen Fragen nicht nur analysieren, er fasste sie auch in Bilder, stellte sie szenisch und dramaturgisch – auch dramatisch – dar.

          Wenn er vom demographischen Wandel sprach oder über ihn schrieb, dann ging es ihm nicht in erster Linie um die Probleme der Rentenversicherung; er stellte sich die künftige Gesellschaft gewissermaßen leiblich vor: leere Räume und verödete Landstriche, in denen vereinsamte Menschen herumirren würden, Lethargie, die in einem Land um sich greift, wenn die Dynamik der Jugend fehlt. Wenn er vom Potential der Gentechnologie oder der Informationstechnik erzählte, dann beschrieb er die Wesen, die künftig entstehen, die konkreten Manipulationen am Menschen, die einmal möglich werden könnten. Er war ein Denker, ein Visionär, ein Erzähler des Potentiellen – so wie er in den letzten Jahren seines viel zu kurzen Lebens die Gefahren von „Big Data“ als einer großen Revolution, nur vergleichbar mit der industriellen des 19. Jahrhunderts, heraufbeschwor.

          Angesichts seiner manchmal apokalyptischen Warnungen wurde oft übersehen, dass er von den Möglichkeiten, die der menschliche Geist sich damit erschloss, im Grunde begeistert war. Frank Schirrmacher war alles andere als ein kulturpessimistischer Technikfeind, er nutzte beispielsweise die Möglichkeiten des Internets geradezu exzessiv. Aber er war auch nicht blind gegenüber den Herausforderungen und Risiken, die der menschlichen Freiheit aus der technischen Selbstermächtigung des Menschen erwachsen würden.

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