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Zum Tode von Frank Schirrmacher : Der Überwältiger

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Dies war wohl der Grund dafür, dass Schirrmacher sich von seinem „klassischen“ Ressort, der Literatur, immer mehr abgewandt hat. Die Aufgabe seines journalistischen Lebens, hat er einmal gesagt, sei es, die von C.P. Snow so genannten „zwei Kulturen“ – auf der einen Seite die Geisteswissenschaften, auf der anderen die Natur- und Technikwissenschaften – zusammenzuführen, die Kluft zwischen beiden zu überbrücken, weil sie, um der Freiheit des Menschen willen, zusammengehören und sich gegenseitig befruchten und kontrollieren müssen: Geisteswesen und prometheischer Erfindergeist. Er hat dieses Projekt mit der ihm eigenen Energie und seiner schier unerschöpflichen Arbeitskraft betrieben, hat sich mit fast berserkerhaftem Wagemut in wissenschaftliche Sachverhalte – von Gentechnik bis Ökonomie – eingearbeitet, die ihm von Hause aus fernlagen, um sie dann in Erzählungen zu verwandeln, auf die der übliche Begriff des popularisierenden Essays nicht passen will: Es waren Appelle, Aufrufe, manchmal geradezu Aufschreie, die das lesende Publikum aufrütteln sollten, die es vorbereiten wollten, auf das, was auf uns zukommt. Wenn er in seinen Zeitungsartikeln und Büchern – „Das Methusalem-Komplott“, „Minimum“, „Payback“ oder „Ego“ – vornehmlich negative Konsequenzen schilderte, ging es ihm doch vor allem darum, die Ambivalenz der Entwicklung darzustellen, damit das Positive gerettet werden könne.

Frank Schirrmacher war auch ein begnadeter Polemiker und Polarisierer, er hat das von einem seiner großen Vorbilder, von Marcel Reich-Ranicki, gelernt: Wer nicht laut ist, wird nicht gehört. Dabei ging es nur oberflächlich gegen die Personen, mit denen er dabei in Streit geriet, es ging ihm um die Sache. Um nur zwei Beispiele dafür zu nennen: um unterschwelligen Antisemitismus in der Auseinandersetzung mit Martin Walsers Buch „Tod eines Kritikers“ oder um die Selbstgerechtigkeit mancher „Vergangenheitsbewältiger“ in Sachen Günter Grass. Weil das so war, weil er nicht nur scharf verurteilen konnte, sondern auch mit einem geradezu überwältigenden persönlichen Charme ausgestattet war, hat das, zumindest auf seiner Seite, nicht zu dauerhaften Verfeindungen geführt.

Er lebte für diese Zeitung

Frank Schirrmacher hat sich einmal als konservativ bezeichnet. Das ist wahrscheinlich eine der wenigen Fehleinschätzungen, denen er selbst aufgesessen ist. Wenn an ihm etwas konservativ war, dann war es die bis zur Verachtung gesteigerte Ablehnung von Denkschablonen und vorgefassten Meinungen. Er war geistig viel zur rege und auch viel zu neugierig, um sich mit bereits Vorgeprägtem abzufinden. In Wirklichkeit war er in einem geradezu kindlichen oder naiven Sinn unideologisch. Es war ihm völlig gleichgültig, aus welcher „Schule“ oder aus welcher „Partei“ (im weiten wie engen Sinne des Wortes) ein Argument kam, wenn er es, nach sorgfältigem Abwägen, für wichtig und gut befunden hatte. Auf der anderen Seite konnte Schirrmacher geradezu körperlich sichtbar leiden, wenn ein Gesprächspartner seine Argumente nicht verstehen wollte oder konnte. Das machte es völlig unmöglich, ihn nach irgendwelchen politischen Kategorien einzuordnen. Deshalb war das Feuilleton, das er wollte und machte, auch nicht politisch in dem Sinne, dass es in irgendeinem weltanschaulichen Schützengraben saß. Es ging ihm um die besten Argumente im Wettbewerb um die Deutungshoheit über die großen gesellschaftlichen Fragen. Unpolitisch war das dennoch nicht, denn Schirrmacher glaubte, auch das in einem fast kindlichen Optimismus, an die Macht der Politik, solche Fragen zu erkennen und letztlich – in einem positiven Sinn – zu entscheiden. Als „public intellectual“, der er wie kein anderer in dieser Republik war, hat er dazu, wie kaum ein anderer, beigetragen.

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