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Erinnerung an Frank Schirrmacher : Er war ohne Furcht

  • -Aktualisiert am

Es sind eben diese Brennmomente: Frank Schirrmacher Bild: Fricke, Helmut

Frank Schirrmacher war ein verletzlicher und moralischer Mensch, der die Verantwortung vor der Geschichte spürte. Sein Verlust wiegt schwer.

          Wenn eine Mutter ihren Sohn beim Zwischenstopp im Flughafen Johannesburg um dringenden Rückruf bittet, dann vermag dies nichts Gutes zu verheißen - sicherlich eine Familienangelegenheit, befürchtete ich. Und für meine Mutter, die mehr als 35 Jahre lang für den Wirtschaftsteil der F.A.Z. geschrieben hatte, war es das auch: „Frank Schirrmacher ist tot“, sagte sie mir mit fester Stimme, „und das ist ein großer Verlust weit über unser Land hinaus, und es ist vor allen Dingen ein Verlust für meine geliebte Zeitung, die F.A.Z.“

          Auf dem schlaflosen Rückflug von Dreharbeiten in Südafrika durchkreuzten sich die Gedanken: nicht nur unendliche Trauer, sondern auch regelrechte Wut. Wut darüber, dass Frank Schirrmacher nicht mehr am Leben ist, und vor allem, dass er vom lieben Gott nicht doch diese eine, entscheidende zweite Chance bekommen hat - sie hätte ihm so sehr zugestanden!

          In meinen Erinnerungen tauchen die Momente bei Frank Schirrmacher und Rebecca Casati in ihrem Potsdamer Haus am See auf - die gefühlten Millionen Schnakenstiche, die man gar nicht bemerkt hatte, weil die Gespräche so energiegeladen waren. Was mich an Frank begeisterte, war diese unabdingbare Neugier, dieses wunderbare stundenlange Fragenstellen, bis sich ein Thema, von dem man um 20 Uhr schon alles zu wissen geglaubt hatte, gegen Mitternacht auf den Kopf stellte.

          Ein verletzlicher Mensch

          Frank Schirrmacher war für mich eine moralische Instanz, vor allem, was den großen Themenbereich deutscher Geschichte betraf. Ich habe ihm Drehbücher geschickt und Filme vorgeführt - von „Stauffenberg“ bis zu Tellkamps „Der Turm“, von „Rommel“ bis zu „Unsere Mütter, unsere Väter“ -, manches sogar im Rohschnitt, weil ich seine Meinung kennen wollte und ich diese Meinung auch immer bekam: sehr dezidiert und immer sehr klar moralisch argumentiert.

          Da gab es diese große Klammer, die uns - beide Jahrgang 1959 - immer wieder beschäftigte: was das Dritte Reich mit unseren Eltern angerichtet und wie sich diese Verantwortlichkeit auf unsere Generation ausgewirkt hat. Dieser persönliche Umgang mit der Verantwortung vor der Geschichte war Dreh- und Angelpunkt unserer Freundschaft.

          Verblüffend war Frank Schirrmachers hohe Affinität zu unserem Gewerbe - zu Film und Fernsehen. Für ihn gab es ohnehin nirgendwo Grenzen. Frank war für mich ein genialer Netzwerker zwischen den Künsten und ein begnadeter Kommunikator, der mich in seiner Offenheit und auch moralischen Integrität immer wieder verblüffte; übrigens auch in seiner Schonungslosigkeit. Dass Frank Schirrmacher ein ungeheuer verletzbarer, fast zärtlicher Mensch war, ist vielen im journalistischen Tagesgeschäft verborgen geblieben. Als Bernd Eichinger starb, schrieb er den klügsten Nachruf. Zu sehr war ihm der hoch ambivalente, leidenschaftliche, aber auch zerrissene Charakter Eichingers nachempfindbar gewesen.

          „Es sind ebendiese Brennmomente“, hat Frank einmal zu mir gesagt, „die das Leben ausmachen - auch wenn die Kerze an beiden Seiten angezündet wird.“ Das galt für ihn selbst und im Übrigen auch für seinen Freundeskreis, der mit hohem Engagement und raschem Tempo ständig neu gefordert war. Und so denke ich an einem Tag wie diesem auch an Rebecca Casati, die uns alle auf wundersame Weise verzaubert und geerdet hat.

          Frank Schirrmachers Verlust wiegt schwer. Das letzte große Wort, das mir heute Nacht im Kopf herumspukte, war sein Begriff von Angstfreiheit. „Sei selbstbewusst, und betrachte dich niemals mit den Augen deiner Feinde“, hat mir Frank einmal in einer schwierigen Lebenssituation mit auf den Weg gegeben. Ich bin dankbar für diesen Ratschlag und alle anderen seiner Ratschläge - ich bin für die Begegnung und die Gespräche mit Frank Schirrmacher unendlich dankbar, sie sind unersetzbar.

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