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Erinnerung an Frank Schirrmacher : Er schuf Kultur, stündlich, täglich

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Ideen als Sache von Leben und Tod: Frank Schirrmacher Bild: dpa

Frank Schirrmacher war ein Magnet im Universum der Ideen. Seine Gedanken schleuderte er wie Blitze in den Nachthimmel hinaus. Im Kampf für eine humane Zivilisation wird er uns fehlen.

          Frank Schirrmacher war ein geistiger Seelenverwandter. Er sollte jetzt da sein und diese Worte lesen, die aus todtraurigem Herz kommen. An ihn in der Vergangenheitsform zu denken ist unsagbar schmerzlich. Frank hinterlässt eine gellende Leere, die eben noch erfüllt war von seinem brillanten Verstand, seiner grenzenlosen Großzügigkeit, seiner ansteckenden Energie und profunden Klarheit.

          Dieser jähe, unwiderrufliche Verlust, der so hilflos macht, ist eine Art Hölle. Alle, die Frank geliebt haben, sind nun in diese Hölle geworfen. Er hätte ein langes, fruchtbares Leben verdient gehabt. Wir alle hätten seine überschäumende Präsenz und sein leidenschaftliches Engagement für eine menschenwürdige Zukunft verdient. Wieder muss ich lernen, dass sich die Natur nicht für unsere Leistungen interessiert. Meine Beziehung zu Frank Schirrmacher war eher für das achtzehnte als für das 21. Jahrhundert typisch, abgesehen natürlich von der Schnelligkeit, mit der wir uns austauschen konnten. Ideen waren unser Kitt, Gedankenaustausch unser Medium. Wir fanden unseren Treffpunkt in einem selbstbewussten Humanismus und in unerschütterlichem Engagement für die Würde und Unantastbarkeit des Menschen.

          Kraftzentrum der Ideen

          Es begann mit einem Tweet. „Dear Professor Zuboff ...“ Er habe meine Arbeiten gelesen und würde mir gern ein paar Fragen stellen. Und so begannen Monate mit langen Briefen. „Dear Mr. Schirrmacher ...“ Ich habe ihn nie gegoogelt. Ich wusste nichts von seinem Lebenslauf, seinem Status, seiner Rolle. Für mich war das nicht wichtig. Es ging immer um Ideen. Mit der Zeit entwickelte sich aus diesen Briefen eine Arbeitsbeziehung, erste Beiträge von mir erschienen in seinem geliebten Feuilleton. Da korrespondierten wir schon fast täglich, tauschten uns über alles Mögliche aus, von Adorno bis Husserl, über Geschichte, politische Strategien, aufsehenerregende Schlagzeilen, die Auswirkungen des technologischen Wandels und die neue Bedrohung durch Überwachung.

          Frank war einer der wenigen Menschen, für die Ideen eine Sache von Leben und Tod waren. Er sah, wie sich Ideen in alltäglichen Dingen und weltgeschichtlichen Schachzügen von Unternehmern und Politikern niederschlugen. Er agierte auf allen Ebenen. Das machte ihn zu einem Magneten - zu einem Kraftzentrum für so viele Denker und Macher. Er lebte in einer einzigen Kaskade von Austausch und Kommunikation, Updates und Anregungen. Blitzschnell verarbeitete er all diese Informationen und warf sie in die Welt hinaus wie einen flammenden Speer durch den Nachthimmel. So schuf er Kultur, stündlich, täglich. Unermüdlich trug er Stein auf Stein zusammen für das Fundament einer humanen Zivilisation des 21. Jahrhunderts.

          Frank war für mich ein Wunder von einem Menschen. Was wäre leichter gewesen für einen so einflussreichen Mann, als Ideologe zu werden? Doch dafür taugte er nicht. Er besaß eine unbeschreibliche Neugier. Nichts entging seiner Aufmerksamkeit. Trotz seiner Gelehrsamkeit und des Umfelds, in dem er sich bewegte, bewahrte er sich ein Staunen und eine Freude über die Macht des Wortes, das durch die Dunkelheit dringt und aufklärt. Seine Begeisterung nährte mich und alle, die mit ihm arbeiteten. Diese Nahrung ist nun Teil von mir, verwandelt in jedem Wort, das ich schreibe. Frank wird auf vielerlei Weise in mir weiterleben - als erster Leser all meiner Ideen, als Briefpartner meiner Träume.

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