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Joachim Fest : Der Mensch ist nicht zu vornehm für das Leben

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Joachim Fest Bild: ddp

Joachim Fest, früherer Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist gestorben. Die Beschäftigung mit dem Dritten Reich war sein Lebensthema, mit dem er uns zeigte, was wir sein könnten. Frank Schirrmacher zum Tode des Publizisten.

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          Er starb, wie er gelebt hatte: voller Würde, in glasklarer Geistesschärfe und bewundernswerter Disziplin und noch im Abschied allen großen Worten fern. „Brechen Sie sich nur nie den Arm!“ sagte er fast kaustisch bei einem Telefonat wenige Tage vor seinem Tod: „Es tut höllisch weh.“ So sprach er über seinen Zustand, der, wie wir nun wissen, einer zum Tode war, voller Verachtung für die Malaisen des bloß Körperlichen und nur interessiert an dem Eindruck, den seine in Kürze erscheinenden Erinnerungen auf die allerersten Leser gemacht haben. Gern pflegte er den kursiv gesetzten Satz aus dem „Schnee“-Kapitel von Thomas Manns „Zauberberg“ zu zitieren. Der Mensch mag zu vornehm für das Leben sein, vor allem aber ist er zu vornehm für den Tod.

          Die große Seite, die aus Anlaß seiner Autobiographie in dieser Zeitung am 6. September erschien, hat er noch gesehen, und das Foto, das ihn als selbstbewußt-stolzen und auch recht frechen Erstklässer mit der Zuckertüte zeigt, war ihm, wie er sagte, das liebste. Frech war er selbst, der große konservative Anarchist, bis zuletzt: „Ich komme meinen Kratzfuß zu machen“, sagte einer seiner letzten Besucher. „Kann leider nicht zurückkratzen“, beschied ihn der Kranke.

          Begnadetes Glückskind

          In den letzten Lebensmonaten schloß sich bei Joachim Fest der Lebenskreis in einer Vollständigkeit, die Menschen nur selten vergönnt ist. Er, dessen Leben von außen wie das eines begnadeten Glückskindes wirkte, hat auch in diesem Letzten, im Symbolischen noch Glück. Seine Lebenserinnerungen, die wir in dieser Zeitung vorabdrucken, konnte er gerade noch rechtzeitig abschließen. Dem betagten und nun mittlerweile leider auch schon sehr geschwächten Mann begegnete das Kind, das er einst war, in den Fahnen des Buches und bald auch schon in den hymnischen Vorbesprechungen der großen Presseorgane. Fest, der mit Thomas Mann nicht nur die Statur, sondern auch, wie dessen Sohn Golo feststellte, die stilistische und gedankliche Kraft gemein hatte, lebte auch das symbolische Leben, das seine großen Heroen, Goethe und Thomas Mann, vorgelebt hatten.

          1961 ging Fest zum NDR, wo er später die Leitung von „Panorma” übernahm

          Der knapp Dreißigjährige überrascht die Welt mit einem regelrechten Geniestreich, dem Buch „Das Gesicht des Dritten Reiches“; der Mann von noch nicht einmal fünfzig Jahren veröffentlicht seinen „Doktor Faustus“, die große Hitler-Biographie; eine italienische Reise und manche Xenien sind dazwischengestreut; schließlich die bewegenden und befreienden Jugenderinnerungen des fast Achtzigjährigen.

          Wider den Nationalsozialismus

          Und dann, als könnte der Kreis sich nicht ohne dieses letzte Segment an polemischer Energie schließen, seine Intervention in Sachen Grass. Wer ihn kannte, wer seinen Kampf gegen den Konformismus und das Gutmenschentum des Landes auch nur aus der Ferne verfolgt hatte, mußte auch dieses letzte Wort als Symbol verstehen - als Symbol für eine Generation, die gerade keine Einheit war. Es haben nicht alle mitgemacht, geschwiegen und dann aus schlechtem Gewissen alle Spuren der deutschen Vergangenheit beseitigt.

          Der fast achtzigjährige, schon von der Krankheit gezeichnete Joachim Fest verteidigte gegen den fast achtzigjährigen Günter Grass eine Kindheit, die nicht zwangsläufig in der Waffen-SS und in Erinnerungslücken enden mußte. Und vor allem nicht im Verschweigen. Fests Familie hatte das Dritte Reich in der Opposition und unter großen Entbehrungen überlebt; daß nun ausgerechnet ihm zuweilen die Rolle des Dunkelmanns zugewiesen wurde, empfand er schon in den achtziger Jahren als bizarr, weil er auch als Junge und anders als Grass ein überzeugter Nationalsozialist eben niemals gewesen ist.

          Meisterwerk der Geschichtsschreibung

          Ehe man über ihn selbst redet, seine publizistischen und journalistischen, auch seine polemischen Leistungen, muß man über die 1973 erschienene Hitler-Biographie reden. Sie ist, wie heute selbst seine Gegner zugeben, ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung. Er hat Hitler analytisch geröntgt, den „widrigen Gegenstand“ mit unvergleichlichem Stilvermögen erzählbar und damit auch rationalisierbar gemacht. Hitler und Hitlers Erfolgsmöglichkeit zu verstehen, war die wichtigste geistige Aufgabe der Deutschen seit 1945. Fest hat es geleistet, selbst Sebastian Haffners „Anmerkungen zu Hitler“ sind undenkbar ohne das Vorgängerbuch seines Freundes.

          Kein Buch, das seit 1945 in deutscher Sprache erschienen ist, ist bedeutender als Fests „Hitler“, und kein anderer Autor war dem Verfasser des monumentalen Werks, war Joachim Fest, vorher oder nachher stilistisch und gedanklich gewachsen. „Die Unfähigkeit zu überleben“ - „Deutsche Katastrophe oder deutsche Konsequenz“ - „Blick auf eine Unperson“: Schon die Zwischenüberschriften zeigen die gedankliche Verdichtung, die die Sätze seiner Prosa kennzeichnet. Die ersten Worte der Biographie sind von vielen Lesern als Schock erfahren worden: „Die bekannte Geschichte verzeichnet keine Erscheinung wie ihn; soll man ihn ,groß' nennen?“ Das ist die Frage, die er stellte, und mit Gründen, nicht mit Affekten, für alle Zeiten verneinte.

          Unbeschreibliche Liberalität

          Und dann, nach mehr als tausend Seiten das Ende, die Coda, die nichts anderes sagt, als daß alle Erinnerung an die Unperson in diesem Buch aufgehoben sei: „Hitler hatte kein Geheimnis, das über seine unmittelbare Gegenwart hinausreichte. Die Menschen, deren Gefolgschaft und Bewunderung er sich erworben hatte, waren niemals einer Vision, sondern einer Kraft gefolgt, und im Rückblick erscheint dieses Leben wie eine einzige Entfaltung ungeheurer Energie. Ihre Wirkungen waren gewaltig, der Schrecken, den sie verbreitete, beispiellos; aber jenseits davon ist wenig Erinnerung.“ Fest hat bis in die Tiefenstrukturen des politisch-historischen Dialogs die Sprache verändert, indem er, recht besehen, die analytische Schärfe der „Frankfurter Schule“ mit dem epischen Gestus eines Thomas Mann versöhnt hat, im „Gesicht des Dritten Reichs“ und im „Hitler“ am deutlichsten.

          In dieser Zeitung hat er im Dezember 1973 das Feuilleton der F.A.Z. von Karl Korn übernommen, schon damals ein imponierendes, meinungsbildendes Ressort. Doch Fest erst hat geschaffen, was es heute ist: ein eigenes Buch, das die Kultur zur dritten Säule nicht nur der Zeitung, sondern der Gesellschaft macht. Er holte Marcel Reich-Ranicki und Georg Hensel in die Zeitung, hier schrieben Böll und Erich Fried in Zeiten, wo Deutschland noch im Zeichen ideologischer Bürgerkriege stand. Von unbeschreiblicher Liberalität, hat er, wie es auch heute noch zum Grundsatz jedes Verantwortlichen zählen sollte, jede Position geduldet, sofern sie gut vorgetragen und nicht konformistisch nachgeplappert wurde. Ohne Zweifel konnte er manchmal abweisend sein, dann war er unnahbar in des Wortes ureigenster Bedeutung. Das Dilemma von Thomas und Heinrich Mann, die Entfremdung Engstverbundener zu Lebzeiten, war auch ihm nicht fremd, oder besser: blieb auch ihm nicht erspart. Sein Buch über die Weggenossen seines Lebens gibt dazu Anhaltspunkte.

          Innenarchitekt der offenen Gesellschaft

          Den Senator Buddenbrook hätte er als Rollenbild akzeptiert, und sicher auch den Leoparden in Lampedusas gleichnamigem Roman. Und dann diese kurzen Worte und Satzkometen, die im Gespräch ihre Bahnen zogen: „Fabelhaft“, „Kurios“, „genierlich“ und am schlimmsten: „Sie haben ja kein durchräsoniertes Weltbild!“ Wenn das preußisch-arkadischer Stilisierungswille ist, so war es aber ohne Zweifel auch ein Spaß. Niemals wieder sind wir jemandem begegnet, der einem im Gespräch schlichtweg zu allem überzeugen, mit allem überreden konnte, und niemals wieder jemandem, der, wenn er schrieb, noch aus einer Fußnote einen Stil-Bonsai zu züchten verstand.

          Fest war konservativ, in der Tat. Doch für die Position, die er selbst damit bezeichnet hätte, gab es in Deutschland kaum Protagonisten. Sie hätten gebildeter, sozialer und solidarischer sein müssen als viele derjenigen, die sich heute als „konservativ“ annoncieren - und, um ein Wort Ernst Jüngers zu gebrauchen, auch anarchischer. In Wahrheit war er so etwas wie der Innenarchitekt der offenen Gesellschaft, er malte an ihre Kuppel die geistigen und ästhetischen Möglichkeiten, die sie erreichen könnte, wenn sie nur wollen würde.

          Er ging nicht als Hiob

          Seine Essays über Richard Wagner oder Horst Janssen, über Winston Churchill, Thomas und Heinrich Mann, über Stauffenberg und den 20. Juli - sie sind die Mosaike auf dieser Kuppel, die Ahnungen, wie man die Welt und ihre Schönheit denken und wie man also auch in ihr leben kann.

          Joachim Fest ist am Montag abend gestorben. Das ist schwer zu denken. Aber er ging nicht als Hiob: Er hat Erfolge, ja, Triumphe erfahren und mit Stolz vermerkt, daß seine Söhne im Verlegerischen und Journalistischen Ausnahmebegabungen entwickelten. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ verdankt ihm viel. Man braucht nichts zu beschönigen: Es gab, wie immer, wo geistig-sensible, junge und alte, eitle und uneitle Menschen sind, Konflikte und Krisen. Aber das bedeutet gar nichts. Das Feuilleton der F.A.Z. ist ihm gewidmet. Joachim C. Fest war ein sehr großer Mann.

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