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Joachim Fest : Der Mensch ist nicht zu vornehm für das Leben

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In dieser Zeitung hat er im Dezember 1973 das Feuilleton der F.A.Z. von Karl Korn übernommen, schon damals ein imponierendes, meinungsbildendes Ressort. Doch Fest erst hat geschaffen, was es heute ist: ein eigenes Buch, das die Kultur zur dritten Säule nicht nur der Zeitung, sondern der Gesellschaft macht. Er holte Marcel Reich-Ranicki und Georg Hensel in die Zeitung, hier schrieben Böll und Erich Fried in Zeiten, wo Deutschland noch im Zeichen ideologischer Bürgerkriege stand. Von unbeschreiblicher Liberalität, hat er, wie es auch heute noch zum Grundsatz jedes Verantwortlichen zählen sollte, jede Position geduldet, sofern sie gut vorgetragen und nicht konformistisch nachgeplappert wurde. Ohne Zweifel konnte er manchmal abweisend sein, dann war er unnahbar in des Wortes ureigenster Bedeutung. Das Dilemma von Thomas und Heinrich Mann, die Entfremdung Engstverbundener zu Lebzeiten, war auch ihm nicht fremd, oder besser: blieb auch ihm nicht erspart. Sein Buch über die Weggenossen seines Lebens gibt dazu Anhaltspunkte.

Innenarchitekt der offenen Gesellschaft

Den Senator Buddenbrook hätte er als Rollenbild akzeptiert, und sicher auch den Leoparden in Lampedusas gleichnamigem Roman. Und dann diese kurzen Worte und Satzkometen, die im Gespräch ihre Bahnen zogen: „Fabelhaft“, „Kurios“, „genierlich“ und am schlimmsten: „Sie haben ja kein durchräsoniertes Weltbild!“ Wenn das preußisch-arkadischer Stilisierungswille ist, so war es aber ohne Zweifel auch ein Spaß. Niemals wieder sind wir jemandem begegnet, der einem im Gespräch schlichtweg zu allem überzeugen, mit allem überreden konnte, und niemals wieder jemandem, der, wenn er schrieb, noch aus einer Fußnote einen Stil-Bonsai zu züchten verstand.

Fest war konservativ, in der Tat. Doch für die Position, die er selbst damit bezeichnet hätte, gab es in Deutschland kaum Protagonisten. Sie hätten gebildeter, sozialer und solidarischer sein müssen als viele derjenigen, die sich heute als „konservativ“ annoncieren - und, um ein Wort Ernst Jüngers zu gebrauchen, auch anarchischer. In Wahrheit war er so etwas wie der Innenarchitekt der offenen Gesellschaft, er malte an ihre Kuppel die geistigen und ästhetischen Möglichkeiten, die sie erreichen könnte, wenn sie nur wollen würde.

Er ging nicht als Hiob

Seine Essays über Richard Wagner oder Horst Janssen, über Winston Churchill, Thomas und Heinrich Mann, über Stauffenberg und den 20. Juli - sie sind die Mosaike auf dieser Kuppel, die Ahnungen, wie man die Welt und ihre Schönheit denken und wie man also auch in ihr leben kann.

Joachim Fest ist am Montag abend gestorben. Das ist schwer zu denken. Aber er ging nicht als Hiob: Er hat Erfolge, ja, Triumphe erfahren und mit Stolz vermerkt, daß seine Söhne im Verlegerischen und Journalistischen Ausnahmebegabungen entwickelten. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ verdankt ihm viel. Man braucht nichts zu beschönigen: Es gab, wie immer, wo geistig-sensible, junge und alte, eitle und uneitle Menschen sind, Konflikte und Krisen. Aber das bedeutet gar nichts. Das Feuilleton der F.A.Z. ist ihm gewidmet. Joachim C. Fest war ein sehr großer Mann.

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