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Joachim Fest : Der Mensch ist nicht zu vornehm für das Leben

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Der fast achtzigjährige, schon von der Krankheit gezeichnete Joachim Fest verteidigte gegen den fast achtzigjährigen Günter Grass eine Kindheit, die nicht zwangsläufig in der Waffen-SS und in Erinnerungslücken enden mußte. Und vor allem nicht im Verschweigen. Fests Familie hatte das Dritte Reich in der Opposition und unter großen Entbehrungen überlebt; daß nun ausgerechnet ihm zuweilen die Rolle des Dunkelmanns zugewiesen wurde, empfand er schon in den achtziger Jahren als bizarr, weil er auch als Junge und anders als Grass ein überzeugter Nationalsozialist eben niemals gewesen ist.

Meisterwerk der Geschichtsschreibung

Ehe man über ihn selbst redet, seine publizistischen und journalistischen, auch seine polemischen Leistungen, muß man über die 1973 erschienene Hitler-Biographie reden. Sie ist, wie heute selbst seine Gegner zugeben, ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung. Er hat Hitler analytisch geröntgt, den „widrigen Gegenstand“ mit unvergleichlichem Stilvermögen erzählbar und damit auch rationalisierbar gemacht. Hitler und Hitlers Erfolgsmöglichkeit zu verstehen, war die wichtigste geistige Aufgabe der Deutschen seit 1945. Fest hat es geleistet, selbst Sebastian Haffners „Anmerkungen zu Hitler“ sind undenkbar ohne das Vorgängerbuch seines Freundes.

Kein Buch, das seit 1945 in deutscher Sprache erschienen ist, ist bedeutender als Fests „Hitler“, und kein anderer Autor war dem Verfasser des monumentalen Werks, war Joachim Fest, vorher oder nachher stilistisch und gedanklich gewachsen. „Die Unfähigkeit zu überleben“ - „Deutsche Katastrophe oder deutsche Konsequenz“ - „Blick auf eine Unperson“: Schon die Zwischenüberschriften zeigen die gedankliche Verdichtung, die die Sätze seiner Prosa kennzeichnet. Die ersten Worte der Biographie sind von vielen Lesern als Schock erfahren worden: „Die bekannte Geschichte verzeichnet keine Erscheinung wie ihn; soll man ihn ,groß' nennen?“ Das ist die Frage, die er stellte, und mit Gründen, nicht mit Affekten, für alle Zeiten verneinte.

Unbeschreibliche Liberalität

Und dann, nach mehr als tausend Seiten das Ende, die Coda, die nichts anderes sagt, als daß alle Erinnerung an die Unperson in diesem Buch aufgehoben sei: „Hitler hatte kein Geheimnis, das über seine unmittelbare Gegenwart hinausreichte. Die Menschen, deren Gefolgschaft und Bewunderung er sich erworben hatte, waren niemals einer Vision, sondern einer Kraft gefolgt, und im Rückblick erscheint dieses Leben wie eine einzige Entfaltung ungeheurer Energie. Ihre Wirkungen waren gewaltig, der Schrecken, den sie verbreitete, beispiellos; aber jenseits davon ist wenig Erinnerung.“ Fest hat bis in die Tiefenstrukturen des politisch-historischen Dialogs die Sprache verändert, indem er, recht besehen, die analytische Schärfe der „Frankfurter Schule“ mit dem epischen Gestus eines Thomas Mann versöhnt hat, im „Gesicht des Dritten Reichs“ und im „Hitler“ am deutlichsten.

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