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FAZ.NET-Spezial: Dolf Sternberger : Dies wählerische Verhältnis

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Dolf Sternberger, der Journalist Bild: Barbara Klemm

Dem Glanz seines Auftritt konnte man sich nicht entziehen: Sehr vornehm, sehr groß, sehr aufrecht. Sein Interesse galt der Kulturpolitik genauso wie dem literarischen Genie. Frank Schirrmacher über den Publizisten und Politikwissenschaftler Dolf Sternberger, der heute hundert Jahre alt geworden wäre. Ein FAZ.NET-Spezial.

          Er kam immer dienstags, stets dann wenn die große Konferenz angesagt war. Vorher bog er im Feuilleton ab. Irgendetwas kündigte ihn an. Kollegen, die dem Glanz seines Auftritt sich nicht entziehen, den Eindruck gleichzeitig aber als operettenhaft auch nicht dulden wollten, nannten ihn „Sternbersché“. Mit schnarrender Stimme im schnellen Schritt, grüßend („junger Freund“), sehr vornehm, sehr groß und sehr aufrecht, von Ferne und dann auch aus der Nähe wie ein britischer Kolonialoffizier wirkend. Er brachte Glossen, Artikel, handgeschrieben, wenn die Erinnerung nicht trügt, lobte oder tadelte Artikel; aber das alles beim Gehen oder besser: Weitergehen, immer Richtung Joachim Fest.

          Heute, da es vorbei ist, weiß man besser, was man damals sah, ohne zu sehen: Fest und Sternberger im Gespräch über internationale Abrüstungsfragen, aber sogleich von Reich-Ranicki aufgestöbert, der über die Länge des Ganges zu Sternberger herüberrief: „Haben Sie meinen Thomas Mann gelesen?“, hinzueilte, und was eben noch Weltsicherheitsfragen waren, klang nun im angegeregt gedämpften Gespräch der drei Herren aus der respektvollen Entfernung, in der der Ohrenzeuge sich aufhielt, wie Buddennbrooktodinvenedighannofabelhaft!aberdertoniozauberbergmelodie.

          Mit der Kultur die Regimepolitik unterlaufen

          Dolf Sternberger war, wie er später einmal bemerkte, der letzte Redakteur, den Heinrich Simon, der alte Inhaber der „Frankfurter Zeitung“, engagierte. Das war 1934 und Heinrich Simon, als Jude seines Lebens in Deutschland nicht mehr sicher, flüchtete noch im gleichen Jahr nach Paris. Sternberger war der letzte Redakteur der großen „Frankfurter Zeitung“, und am Titel des dort eigens für ihn geschaffene Ressorts „Kulturpolitik“ ermisst man, wo eine strategische Hoffnung Simons lag: von Kultur schreiben, um die Politik des Regimes zu unterlaufen. Genau das hat Sternberger bis zum Verbot der Zeitung mit einer die Todeszone fast überschreitenden Tollkühnheit getan.

          Seine „literarischen Fabeln“, in denen das Regime, das im Zenit seiner Macht befand und ewig hätte währen können, relativiert wurde, der Leitartikel zu Hitlers fünfzigstem Geburtstag, die unglaubliche Frechheit, am Tag des Waffenstillstands mit Frankreich nicht vom Genie des Tyrannen, sondern von Gutenberg und der freien Öffentlichkeit zu reden (am 22. Juni 1940!) - das alles sagt nicht nur etwas über Sternberger, der auch im Persönlichen großen Mut bewiesen, sondern es sagt auch etwas über die noch nachträglich ins Recht gesetzte personalpolitische Intuition Heinrich Simons, diesem zu Unrecht heute fast vergessenen Verleger und Journalisten, der in der Weimarer Republik die bedeutendsten Autoren ans Blatt gebunden hatte.

          Literarische Spiritualität und politische Kultur

          Dolf Sternberger war nicht nur der letzte Redakteur, er war in gewissem, wenn auch nicht im wortwörtlichen Sinn der erste Autor der neugegründeten Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Denn durch ihn kehrte Ende der fünfziger Jahre in die Redaktion jene literarische Spiritualität zurück, die durch Namen wie Siegfried Kracauer und Joseph Roth nur angedeutet ist. Er, der das „Wörterbuch des Unmenschen“ geschrieben hat, stand für „Kulturpolitik“ in des Wortes reinstem Verstande. Gerade weil er das Politische der Kultur und des Feuilletons so hoch schätzte, misstraute er der anti-künstlerischen Politisierung der Achtundsechziger und bekämpfte sie.

          Über George hatte man sich in der Zeitung oft unterhalten, und selbstredend war er aus ästhetischen Gründen auf Seiten Hofmannsthals. Freilich auch das hat seine Grenze, wie überhaupt das Literarische niemals eine enthemmte, schwärmerische oder gar entgleisende Seite seines Wesens zeigte. Keine Phantasie - auch nicht seine eigene - konnte sich ihn im Wien der Jahrhundertwende als literarischer Tagedieb im Café Griensteidl vorstellen, und auch im Redaktionsbüro nur befristet. Auch hier war das Rollenmodell Thomas Mann, im Stilistischen und im eigenen Lebensstil, vom Habitus, der manchen als kühl und unnahbar erschien, ganz zu schweigen. Dabei sagt schon Tonio Kröger: „Die Begabung für Stil, Form und Ausdruck setzt bereits dies kühle und wählerische Verhältnis zum Menschlichen, ja eine gewisse menschliche Verarmung und Verödung voraus.“ Was nicht hieß, dass man nicht entflammbar war.

          Oft erzählte er von der vielleicht bedeutendsten Audienz seines Lebens, dem Besuch bei Thomas Mann in dessen Haus in Kilchberg. Gleich zu Beginn des Gesprächs wollte sich Thomas Mann eine Zigarre anzünden, Sternberg wohlvorbereitet, eilt mit den Streichhölzern herbei und hat innerhalb von Sekunden, „ich weiss bis heute nicht, wie das geschah“, die ganze brennende Streichholzschachtel in der Hand. Dolf Sternberger wäre heute einhundert Jahre alt geworden.

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