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Kulturkritik : Die Schrecken der Fremdheit und des Unverstandenseins

Hat jemand Angst vor Schwarz, Weiß, Gelb? Bild: Picture-Alliance

Frank Böckelmanns Buch „Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen“ ist vor zwanzig Jahren schon einmal erschienen, in Enzensbergers Anderer Bibliothek. Jetzt erscheint es mit einem neuen Vorwort im rechten Manuscriptum-Verlag.

          Dieses Buch, um das Wichtigste gleich am Anfang auszusprechen, ist sehr lehrreich, oft amüsant und insgesamt äußerst lesenswert: einerseits, obwohl Frank Böckelmann es geschrieben hat. Und andererseits: gerade deshalb.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Denn dieser Frank Böckelmann, der in seiner Jugend ein Parteigänger von Dieter Kunzelmann und Rudi Dutschke war, später, als Kommunikationswissenschaftler, die Machtverhältnisse und die Mechanismen der öffentlichen Diskurse aus Perspektiven betrachtete, mit denen keiner gerechnet hatte; der, quasi nebenbei, sehr schöne cinephile Texte über das amerikanische Kino schrieb und heute „Tumult“ herausgibt, die „Zeitschrift für Konsensstörung“ – dieser Frank Böckelmann ist womöglich, leicht zugespitzt formuliert, der Mann, für den so viele den Verleger Götz Kubitschek halten: ein Autor, der Begriffe wie „Austausch“, „Umerziehung“ und immer wieder „das Eigene“ ohne große Skrupel beim Nennwert nimmt und anscheinend auch schon bei Pegida mitspaziert ist; der also nicht beleidigt sein wird, wenn man ihn einen Rechten nennt. Und zugleich ist er ein Intellektueller, ein Schriftsteller, der sich von den eigenen Gedanken gelegentlich überraschen lässt; der einen sicheren Stil und ein Gespür für den Eigensinn der Sprache hat; und der eine Erkenntnis nicht schon deshalb unterdrückt, weil sie im Widerspruch zu den eigenen Glaubenssätzen steht.

          Wer ist dieses „Wir“?

          Das Buch, das „Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen“ heißt, womit sein Gegenstand schon ganz richtig beschrieben ist, ist vor zwanzig Jahren schon einmal erschienen, in Enzensbergers Anderer Bibliothek. Damals wurde Böckelmann für diesen Text mit einem Preis der Friedrich-Ebert-Stiftung geehrt, bekam wohlwollende Besprechungen in der „tageszeitung“ und in dieser Zeitung. Und im „Spiegel“ erschien eine Rezension, die das ziemlich dicke Buch vor allem dazu benutzte, es allen Kündern der Völkerfreundschaft und „politisch korrekten Ausländerfreunden“ auf den Kopf (oder zumindest auf das gute Gewissen) zu hauen.

          Autor Frank Böckelmann

          Wenn das Buch jetzt, mit einem neuen Vorwort, in jenem Manuscriptum-Verlag erscheint, wo, nur zum Beispiel, auch der vulgäre Schwachsinn von Akif Pirinçci verlegt wird; wenn diese Neuerscheinung (das Buch ist im Oktober herausgekommen) bislang nur von der verlässlich ressentimentgetriebenen Website „Die Achse des Guten“ überhaupt zur Kenntnis genommen wird: Dann scheint das die Hypothese jener Rechten zu bestätigen, die von sich behaupten, dass sie gar nicht nach rechts gewandert seien; vielmehr tendiere der angeblich so linksliberale Mainstream immer stärker dazu, die Augen zu schließen und sich die Ohren zuzuhalten, überall dort jedenfalls, wo es um die Konflikte, Verwerfungen, Missverständnisse und Fremdheitserfahrungen gehe, welche die Folgen von Migration und Globalisierung seien.

          Dass es nicht ganz so einfach ist, lehrt die Lektüre schon nach wenigen Seiten. Es sei „ein Lob der Fremdheit“, schreibt Böckelmann immer wieder; um wessen Fremdheit wem gegenüber es geht, sagt ja der Titel – und damit der Leser diese Fremdheit mit der nötigen Anschaulichkeit und Drastik erfahre, konzentriert sich der Autor nicht so sehr darauf, uns das ohnehin als fremd Bekannte besonders befremdlich zu beschreiben; das tut er schon auch. Viel wichtiger ist es ihm aber, die Fremden, die wir selber sind, in der Wahrnehmung der sogenannten Anderen besonders anschaulich zu machen.

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