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Francos vierzigster Todestag : Der Diktator ist tot, es lebe der Diktator

Francisco Franco mit Ehefrau in Madrid, Aufnahme von 1965 Bild: Picture-Alliance

Vierzig Jahre nach Franco wären eigentlich vierzig Jahre Demokratie zu feiern. Doch Spanien steckt in der Krise. Vielleicht ist das Land weniger demokratisch, als es dachte.

          Gibt es vierzig Jahre nach dem Tod des Diktators Franco noch Spuren seines Wirkens außerhalb der Geschichtsbücher? Ist sein Erbe untergründig wirksam? Diese Fragen klingen heute plausibler als vor zwanzig Jahren, und allein das ist eine schlechte Nachricht. Der Übergang der Spanier zur Demokratie ist oft besungen worden, doch je weiter man sich vom Datum des 20. November 1975 entfernt, dem Tag von Francos Tod, desto verstörender wirken manche Züge der spanischen Gesellschaft.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Ein paar Rückblenden. Im Jahr 2000 wagte es der damals vierunddreißigjährige Journalist Emilio Silva, seinen von den Aufständischen erschossenen Großvater zu exhumieren und ihm ein würdiges Grab zu geben. Erst da erfuhren jüngere Spanier, dass überall im Land noch ungehobene Massengräber existieren. Die Rede ist von rund 100000 Ermordeten – Arbeitern, Gewerkschaftern, Lehrern, Krankenschwestern. Eine Bewegung bildete sich. Das Wort von der „memoria histórica“ – der Wiedergewinnung der Geschichtserinnerung – machte die Runde. Aber der Wille, die mehrheitlich republikanischen Bürgerkriegsopfer zu exhumieren, wurde von vielen und besonders der Aznar-Regierung als Bedrohung des gesellschaftlichen Konsenses aufgefasst. Die Angehörigen der Opfer, hieß es, rissen „alte Wunden auf“. Hinter jeder Grabung, jedem Aufklärungsversuch wurde Rache vermutet. Als die sozialistische Zapatero-Regierung 2007 ein Gesetz zur „memoria histórica“ erließ, wurde darin ausgerechnet der wichtigste Punkt unterschlagen: dass der spanische Staat sich als Rechtsnachfolger der Franco-Diktatur um die Bergung, Identifizierung und Bestattung der summarisch Liquidierten zu kümmern habe.

          Lagerdenken und politische Schwarzweißmalerei

          „Jedem Angehörigen von Opfern, der den entsprechenden Antrag stellt, wird ein amtliches Schreiben zugeschickt“, erzählt Emilio Silva fünfzehn Jahre nach der Exhumierung seines Großvaters. „Es nennt sich ‚Persönliches Wiedergutmachungszertifikat‘ (Certificado de Reparación Personal), ist aber mit keinerlei Wiedergutmachung verbunden. Das Gesetz verspricht also eine Reparation, ohne sie zu zahlen.“ Auch die Kosten für Archäologen und Forensiker müssen die Angehörigen privat tragen. Leute wie Silva und die Aktivisten des „Vereins für die Wiedergewinnung der historischen Erinnerung“ (ARMH) waren von Anfang an Störenfriede und sind es geblieben.

          Das monströse, 140 Meter hohe Granitkreuz thront über der letzten Ruhestätte von Francos Leichnam.

          Die Amnestie nach dem Tod des Caudillo sei in Amnesie übergegangen, hat Jorge Semprún über den Schweigepakt der transición einmal gesagt. Das wäre für eine Zeitlang hinnehmbar gewesen, hätte irgendwann die Aufarbeitung begonnen. Doch auch heute noch beherrschen die Hinterlassenschaften des Bürgerkriegs – Lagerdenken und politische Schwarzweißmalerei – die Debatten über die Zukunft des Landes. Als Ministerpräsident Zapatero 2005 bei Nacht und Nebel ein Franco-Reiterstandbild demontieren ließ, rief das im rechten Lager einen Aufschrei der Empörung hervor. Danach hat sich niemand mehr getraut, öffentliche Orte umzubenennen. Zahllose Straßen und Plätze gedenken somit bis heute der Militärs, die zwischen 1936 und 1939 gegen die Regierung putschten.

          Autoritarismus, Günstlingswesen, Machterhalt

          Dieser „symbolische Franquismus“, wie ihn der Historiker Sören Brinkmann in dem Buch „Kampf der Erinnerungen“ genannt hat, geht Hand in Hand mit dem, was man „Gemütsfranquismus“ nennen könnte: Haltungen, die ein autoritäres Regime, dem Pluralität und demokratische Werte immer suspekt waren, über Jahrzehnte hinweg einüben ließ. Dazu gehören Gehorsam, Schweigen, das Buckeln vor der Macht und Mangel an Zivilcourage. Nicht, dass Spanier nicht laut und mutig sein könnten. Doch innerhalb von Machtstrukturen, die sie kampflos als übermächtig empfinden, ducken sich die meisten weg. Unzählige Redewendungen des Alltags spiegeln Hilflosigkeit und Resignation vor den Mächtigen wider, vor denen, „die das Sagen haben“. Bekannte und Freunde erzählen davon auch im Arbeitsleben: Autoritarismus, Günstlingswesen, Machterhalt. An die Reformierbarkeit des Systems glaubt kaum einer.

          Kein Wunder, dass der berechtigte Protest des 15. Mai 2012 an der Puerta del Sol seinerseits zur Gründung einer Partei namens Podemos führte, die mit ihrer Radikalität immer mehr Reformwillige abzuschrecken beginnt. Kürzlich hat das Meinungsforschungsinstitut Metroscopia ermittelt, dass siebzig Prozent der Spanier mit dem Funktionieren ihrer Demokratie unzufrieden sind. Aber wen sie dort lieber sähen, scheinen sie auch nicht genau zu wissen. In der Theorie wünscht man sich Wandel, in der Praxis ist das etwas anderes. Auch Franco hegte ja eine legendäre Abneigung gegen Politiker und die Politik.

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