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Francos vierzigster Todestag : Der Diktator ist tot, es lebe der Diktator

Gemütsfranquismus ist im spanischen Leben allgegenwärtig und wird kaum noch als etwas Besonderes wahrgenommen, geschweige denn in Frage gestellt. Protestiert man denn gegen den Straßenstaub oder das Sonnenlicht? Der grellste Ausdruck des wurschtigen Umgangs mit der autoritären Vergangenheit bleibt das „Tal der Gefallenen“ in der malerischen Sierra de Guadarrama nordwestlich von Madrid, das 1959 nach achtzehn Jahren Bauzeit eingeweiht wurde. 1975 fand dort Francos Leichnam seine letzte Ruhestätte.

Der offizielle, in mehreren Sprachen erhältliche Führer (Auflage 2012) nennt als Funktion der Anlage das Gedenken an die im Bürgerkrieg Gefallenen. Doch die triumphalistische Architektur spricht eine andere Sprache: die 250 Meter tief in den Berg hineingetriebene Basilika, zu deren Altar eine einschüchternd leere Halle mit allegorischen Darstellungen von Heer, Marine und Luftwaffe führt; der enorme, an Aufmärsche und Strammstehen gemahnende Platz davor; das weithin sichtbare, mehr als 140 Meter hohe Granitkreuz, das über dem Ganzen thront; die Präsenz überdimensionierter Schwerter und muskulöser Kriegerstatuen. Dass dem Kloster des Benediktinerordens, der hier für die Getreuen bis heute Messen zelebriert, gleich eine Kaserne angeschlossen wurde, versinnbildlicht für den Historiker Walther Bernecker „in geradezu paradigmatischer Weise den aggressiven Nationalkatholizismus als Ideologie des frühen Franquismus“.

So wie Gott durch Jesus Christus sprach

Ortstermin im „Tal der Gefallenen“ eine Woche vor Francos vierzigstem Todestag: Über Madrid hängt eine gelbe Dunstglocke, gegen die die linke Stadtregierung mit Tempolimits vorgeht. Doch hier draußen, auf 1400 Meter Höhe und im Angesicht rauschender Bäume, ist die Welt in Ordnung. Der strahlend blaue Himmel konturiert die scharfen Linien der Anlage, die zu einem der beliebtesten Ausflugsziele der Madrider Umgebung wurde. Drinnen, vor dem Altar, ruht José Antonio Primo de Rivera, der rhetorisch brillante, jung gestorbene Gründer der spanischen Faschisten. Und dahinter Francisco Franco höchstselbst. Steht man an der Grabplatte des Caudillo, blickt man über den Altar – und unterhalb eines herabhängenden Gekreuzigten – hinweg auf die Gemeinde. Man könnte sagen: Franco möchte durch den Diktatorensohn, dessen Erschießung durch die Republikaner er zuließ, sprechen, so wie Gott durch Jesus Christus sprach. Oder wie Fidel Castro durch den ideellen Sohn Ernesto „Che“ Guevara.

Beiden Diktatoren, dem rechten und dem linken – beide stammten aus Galicien –, kam der Opfertod charismatischer junger Helden gelegen. Francos Eröffnungsrede 1959 lässt daran kaum Zweifel. Es handele sich um einen „ewigen Pilgerort“, sagte er, „an dem die Großartigkeit der Natur einen würdigen Rahmen für den Boden bildet, in dem die Helden und Märtyrer des Kreuzzugs ruhen“.

Der Geist jenes ranzigen Spaniens

Feierlichkeit angesichts historischer Größe ist bei den vergnügungsorientierten Spaniern von heute natürlich nicht herauszukitzeln. Kreuzzug? Also, wirklich. Sie kommen in Familien oder Gruppen von Freunden, weil der Tag himmlisch ist. Sie gönnen sich im angeschlossenen Restaurant ein Bier in der Sonne, strecken die Glieder, machen Witze. Dann traben sie in den glänzenden Hallen umher und finden die sepulchrale Aura kurios, während die überlebensgroßen Skulpturen sie womöglich an den „Herrn der Ringe“ erinnern.

Das Monument verfehlt seinen pathetischen Erziehungseffekt. Doch ganz sicher erinnert es jüngere Besucher an den Geist jenes ranzigen Spaniens, den ihre Eltern vierzig Jahre lang geatmet haben – den Geist von Autoritarismus und Indoktrination, Kuschen und Mitmachen, Angst und Denunziation. Ein Staat mit intakten demokratischen Instinkten würde irgendwo eine Dokumentationsstelle einrichten, die von den Tausenden republikanischer Zwangsarbeiter erzählte, die hier einen Teil ihrer Gefängnisstrafe abdienten und dabei gleich ideologisch umerzogen wurden. Doch das demokratische Spanien ist im „Tal der Gefallenen“ unsichtbar. Es hat vor langem beschlossen, wegzuschauen und das Feld der Kirche und den Rechtsnostalgikern zu überlassen. Und das, vierzig Jahre nach dem Tod des Diktators Francisco Franco, wäre tatsächlich peinlich, unwürdig und skandalös – wenn sich nur irgendein spanischer Politiker angesprochen fühlen würde.

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