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François Ozon im Gespräch : Das erste Mal ist immer eine Katastrophe

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Ein Regisseur und Gentleman: François Ozon hilft seiner Hauptdarstellerin Marine Vacth nicht nur in ihre Rolle Bild: ddp images

Mit „Jung & schön“, der Geschichte einer Siebzehnjährigen, die als Callgirl arbeitet, hat François Ozon manche Kritiker vor den Kopf gestoßen. Mit Absicht.

          5 Min.

          „On n’est pas sérieux quand on a dix-sept ans.“ So beginnt das Gedicht von Rimbaud, das sie in „Jung & schön“ zitieren. Was lösen diese Verse in Ihnen aus?

          Eine Art Nostalgie. Die Trunkenheit der Jugend. Ist das Gedicht in Deutschland so bekannt wie bei uns?

          Nein.

          In Frankreich ist Rimbaud das, was für Sie Heinrich Heine ist. Alle Kinder lernen diese Verse in der Schule. Sie sind eine Erinnerung an die Zeit, in der alles möglich ist. Die glückliche Seite des Jungseins.

          Ihr Film zeigt aber gerade das Unglück einer Jugend. Ein Mädchen erlebt den ersten Sex und wird bitter enttäuscht.

          Jungsein bedeutet, seine Identität zu suchen, seinen Platz in der Welt. Das kann sehr schmerzhaft sein. Isabelle, das Mädchen aus meinem Film, weiß nicht, wo sie mit ihrem Verlangen hin soll. Sie entscheidet sich für einen riskanten, gewaltsamen Weg, weil sie vor nichts Angst hat. Sie hält sich für unsterblich.

          In allen Ihren Filmen geht es um Ambivalenzen, um Zweideutigkeiten, so auch hier. Isabelle unterwirft sich als Prostituierte den Blicken und den sexuellen Wünschen der Kunden, aber sie gewinnt auch Macht über sie.

          Was mich interessiert, ist Komplexität. Wegzukommen von Klischees, über Sex, Prostitution oder was auch immer. Ich gehe ins Kino, um mich in meinen Moralvorstellungen erschüttern zu lassen. Viele mögen das nicht, sie gehen lieber in Hollywoodfilme, in denen Gut und Böse klar getrennt sind. Oder in französische Autorenfilme, in denen die Jugend im milden Licht der Erinnerung erscheint. Ich habe keine Sehnsucht nach dem Jungsein. Es war keine leichte Zeit in meinem Leben.

          Erotische Machtspiele: Das Verhältnis zwischen Isabelle und ihren Freiern ist rätselhaft

          Der Film folgt, wie schon „5 x 2“ und „Tropfen auf heiße Steine“, einer klaren Zeitstruktur. Es gibt vier Jahreszeiten, vier Episoden, jede wird mit einen Song von Francoise Hardy eingeleitet.

          Ich mag Leerstellen in der Geschichte, die der Zuschauer mit seinen Phantasien füllen kann. Wenn man jung ist, hat man außerdem das Gefühl, dass die Zeit endlos ist. Man verändert sich andauernd, alle paar Monate ist man ein anderer.

          Warum ist Jungsein heute so schwierig? Sind es die vielen Erwartungen, die Vorbilder von Schönheit oder Reichtum, denen man entsprechen muss?

          Ich glaube, die Traumzeit der Jugend waren die sechziger Jahre. Damals rückte die Adoleszenz ins Zentrum der Gesellschaft. Heute steht sie immer noch da, aber die Welt ringsum ist eine andere. Der Markt hat die Kontrolle über die Jugend übernommen. Modemagazine mit Sechzehnjährigen auf dem Cover geben die Schönheitsideale vor. Zugleich hat man durch das Internet Zugang zu Sex und Pornographie jeder Art. Kinder können Bilder sehen, die nur für Erwachsene bestimmt sind. Das löst eine tiefe Melancholie aus. Alles ist da, es gibt keine Entdeckungen mehr, keine Grenzüberschreitungen. Wenn man in meiner Jugend Pornos sehen wollte, musste man sich eine Kassette kaufen und bei einem Kumpel anschauen. Heute genügt ein Klick. In Fernsehshows reden Prominente offen über ihre Sexualität. Alles, was intim ist, wird öffentlich. Ach, ich komme mir wie ein alter Sack vor, wenn ich so rede.

          Ist es wirklich nur die Enttäuschung des „ersten Mals“, die Isabelle dazu treibt, sich zu prostituieren?

          Nein. Sie entledigt sich ihrer Jungfräulichkeit, es ist nicht schön, aber es tut auch nicht weh. Dass sie sich prostituiert, hat viele andere Gründe. Sie will aus ihrer Familie heraus, die Kontrolle über ihr Leben bekommen, ihre eigene Lust entdecken. Wer ist beim ersten Sex schon glücklich? Hören Sie sich doch mal um: Für alle war es eine Katastrophe. Was für mich wichtig ist an der Szene am Strand, ist das Motiv der Verdoppelung. Isabelle sieht sich selbst dabei zu. Sie spaltet sich in zwei Personen auf, in Isabelle und Léa.

          Das Doppelgängermotiv taucht in vielen Ihrer Filme auf. Was reizt Sie daran?

          Ich finde es schön, einen Schauspieler oder eine Schauspielerin zu filmen, die sich selbst betrachten. Das ist nicht nur das intellektuelle Vergnügen an der mise-en-abîme, sondern etwas sehr Körperliches. Douglas Sirk hat einmal gesagt: Gebt mir ein paar Spiegel, und ich mache damit einen Film. Wenn ich auf den Set komme, lasse ich immer noch ein paar zusätzliche Spiegel anbringen.

          Isabelle und ihr Spiegelbild: „Jung & schön“ ist nicht der erste Film von Ozon, der mit dem Doppelgängermotiv spielt

          Sexualität ist heute mit zahlreichen Ängsten und Normen belastet, nicht nur im Kino. Wie kommt das?

          Das kommt aus der amerikanischen Kultur. Die Amerikaner haben die Sexualität politisiert. In Amerika muss man sich zwischen Gruppenidentitäten entscheiden: schwul, lesbisch, hetero. Aber das Sexuelle ist nicht politisch korrekt. Sonst gibt es keine Lust. Lust ist Transgression. Sie sehen, ich habe eine sehr katholische Erziehung genossen.

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