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François Ozon im Gespräch : Das erste Mal ist immer eine Katastrophe

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Worin besteht der Unterschied zwischen dem katholischen und dem amerikanischen Modell von Sexualität?

Das müsste man einen Soziologen fragen. Was die amerikanischen Kritiker an meinem Film verstört hat, ist, dass er keine Antworten gibt. Das macht ihnen große Angst. Die Amerikaner sind Kinder, sie wollen, dass es kein Mysterium gibt beim Sex. Ich soll ihnen eine Moral servieren und sie nicht mit der Geschichte alleinlassen. Und das Schlimme ist, dass diese Art, Kino und Sexualität zu betrachten, auch auf Europa übergreift. Der Wunsch nach totaler Transparenz, die Manie, das Intimleben von Politikern und Prominenten zu durchleuchten, das ist ein neuer Puritanismus, der sich immer mehr verbreitet.

Zugleich ist das Sexuelle überall, auf Plakatwänden, im Fernsehen, im Internet. Marine Vacth, Ihre Hauptdarstellerin, arbeitet auch als Model.

Beim Casting hatte sie etwas, das ich auch bei der ersten Begegnung mit Charlotte Rampling gespürt habe: eine Aura, ein Geheimnis. Es gibt Schauspielerinnen, die etwas mitbringen, was man nicht lernen kann. Marine ist außerdem sehr schön, wie Catherine Deneuve in Buñuels „Belle de jour“. Ein französischer Psychoanalytiker, dem ich meinen Film zeigte, hat mir von einem Syndrom bei jungen Mädchen erzählt: der Lust an der Beschmutzung. Schönheit ist ja auch eine Last. Isabelle hat keine Lust, nur jung und schön zu sein. Sie will etwas anderes, Macht, vielleicht Gewalt. Bei Buñuel mündet das in eine Art Masochismus. Bei mir geht es eher um einen Reifungsprozess.

Lust an der Beschmutzung: Die jugendliche Isabelle prostituiert sich nicht aus finanzieller Not

Warum haben Sie die Rolle der älteren Frau, in der Isabelle am Ende eine Art Freundin und Mentorin findet, nicht gleich mit Catherine Deneuve statt mit Charlotte Rampling besetzt?

Ich habe daran gedacht. Aber es wäre nur ein Gag gewesen. Die Szene wäre verpufft. Charlotte war auch deshalb besser für die Rolle, weil Marine und sie einander ähneln. Beide haben die gleiche animalische Eleganz.

Zwischen beiden gibt es eine Vertrautheit, die nicht gespielt wirkt.

Stimmt, das ist beinahe dokumentarisch, ein magischer Moment. Eine Art Übertragung zwischen zwei Frauen ganz unterschiedlichen Alters. Ein Dialog zweier Generationen.

Sie haben Charlotte Rampling mit Ihren Filmen wiedererweckt.

Ich habe sie für mich entdeckt. Für Schauspielerinnen wird es immer schwerer, je älter sie werden. Dabei verwandeln sie sich ihren Rollen viel stärker an als ihre männlichen Kollegen. Ich arbeite lieber mit ihnen, weil es da immer eine Distanz gibt. In einer Männerrolle erkenne ich immer ein Stück weit mich selbst.

Es gibt Kritiker, die ihren Filmen Kälte vorwerfen. Für mich ist es eher eine besondere Form von Klarheit.

Manche Leute gehen ins Kino, um sich mit den Figuren zu identifizieren. Distanz macht ihnen Angst. Genau das mag ich aber an Fassbinder, diese Art, mit der Kamera zurückzufahren, nicht an den Gesichtern kleben zu bleiben. Dem Zuschauer die Freiheit des Denkens zu lassen.

Keine Identifikationsfigur: „Jung & schön“ hält den Zuschauer auf Distanz

Eine solche Haltung würde man sich für das deutsche Kino heute wünschen.

Sie haben doch Christian Petzold.

Er ist die einsame Ausnahme.

Das kann ich nicht beurteilen, in Frankreich laufen nur sehr wenige deutsche Filme. Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass das Theater in Deutschland zurzeit viel innovativer ist als das Kino.

Wie hat das französische Publikum auf Ihren Film reagiert?

Die jungen Frauen verstehen ihn sehr gut. Die jungen Männer sind verstört, weil sie sich vor der weiblichen Sexualität fürchten. Auch die Männerfiguren in dem Film sind ja eher zerbrechlich und verunsichert: der Freier, der stirbt, der Stiefvater, der seinen Platz in der Familie sucht, Isabelles Freund, der noch kaum sexuelle Erfahrungen hat.

Als Isabelle ihn mit einem routinierten Handgriff befriedigt, macht sie kurz darauf mit ihm Schluss. Als könnte sie sich selbst nicht verzeihen, dass sie ihn wie einen Freier behandelt hat.

Ich sehe die Szene nicht so. Ursprünglich sollte der Film so enden, dass sie wieder mit ihm zusammen ist. Die ganze Familie fährt ans Meer, alle gehen ins Wasser, nur Isabelle nicht. Wir haben die Szene am zweiten Tag gedreht. Marine hatte noch ihr Kindergesicht, das Gesicht, das Isabelle im Film immer mehr verliert. Im Schneideraum hat die Szene nicht mehr funktioniert. Ich habe sie gestrichen. Jetzt ist am Ende alles offen.

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