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Francis Fukuyama in Berlin : Kein Ende der Geschichte

  • -Aktualisiert am

Er verteidigt immer noch seine These von 1992: Francis Fukuyama Bild: © Axel Gaube

Bei seinem Auftritt in Berlin versucht der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama seine These vom Ende der Geschichte zu verteidigen. Aber es wirkt wie eine Hoffnungsgeste ohne gedankliche Kraft.

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          Es gehört zum Berufsrisiko von Propheten, dass sie ihre Prophezeiungen überleben, und zu dem des Historikers, dass er älter wird als die Ereignisse und Strukturen, die er für endgültig und unumkehrbar erklärt hat. So ist es Heinrich August Winkler mit seiner Saga vom Sieg des Westens gegangen, der er nun ein Buch nach dem anderen hinterher schickt, um zu erklären, warum die Siegesfeiern noch einmal verschoben werden müssen, und so geht es auch Francis Fukuyama mit seiner These vom Ende der Geschichte, die er seit einem Vierteljahrhundert in immer neuen Anläufen revidiert.

          Eine Internationale der Nationalisten

          Die jüngste Revision fand am Freitagmittag in Berlin statt, wo Fukuyama dem staunenden Publikum in der Hertie School of Governance anhand einer Problemliste darlegte, wieso es mit dem 1992 vorhergesagten Triumph einer demokratisch-liberalen Weltordnung nun doch nicht geklappt hat.

          Da ist, erstens, die wachsende „nationalistische Internationale“, deren Held Putin und nicht Greta heißt; dann das Internet, das die Herrschaft der Institutionen und Autoritäten untergräbt; der Markt, an den nach der Finanzkrise niemand mehr so recht glaubt; und schließlich die „Selbstgeißelung“ der etablierten Demokratien, die ihrer eigenen Stärke auf einmal nicht mehr richtig trauen.

          Der Westen ist kein Ideal mehr

          Wirklich? Vielleicht ist es auch nur Fukuyamas These, an die kein wachsamer Demokrat mehr glauben will, obwohl sie hier in Berlin, zum dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls, im Kerzenschein der Nostalgie noch einmal verführerisch glitzert. Damals ging ein Regime zu Ende; hätten ihm nicht gleich alle Regimes folgen können?

          Was wirklich passierte, kurz danach und bis heute, fasste Thomas Kleine-Brockhoff vom German Marshall Fund, mit dem Fukuyama auf dem Podium saßen, kurz und kühl zusammen: „Der Westen ist kein Ideal mehr.“ Sondern eine Realität mit allen Tücken des Realen, die in den großen Geschichtsbildern meist verlorengehen. Aber Fukuyama, gefragt, ob er denn immer noch an das Ende der Geschichte glaube, bejahte: Man müsse doch nur einmal schauen, wohin der große historische Bogen sich neige, bei den Demonstranten in Hongkong, im Sudan, in der Ukraine – immer gen Westen oder zumindest dorthin, wo der moralische Westen liegt.

          „Ich sehe immer noch keine Alternative“, sagte Fukuyama, um gleich die Alternative zu nennen: „Der einzige echte Konkurrent ist China.“ Aber in dessen Sozialsystem wolle ja niemand leben. Jetzt setzt der Prophet, dem Trump und Xi und der Brexit einen Strich durch die Rechnung gemacht haben, auf die Präsidentenwahl 2020: „Wie werden sehen, ob das amerikanische Volk zweimal denselben Fehler macht.“ Ach, so viel Hoffnung – und so wenig gedankliche Kraft.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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