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Fragen Sie Reich-Ranicki : Was ist das Geheimnis von Kehlmanns Erfolg?

  • Aktualisiert am

Dichter im Schnee: Daniel Kehlmann Bild: Julia Baier

Was ist das Geheimnis von Daniel Kehlmanns Erfolg? Gibt es Literaturverfilmungen, die besser sind als ihre Vorlagen? Und was macht ein gutes Gedicht aus? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.

          1 Min.

          Schätzen Sie Daniel Kehlmann? Was ist das Geheimnis seines Erfolgs? Walter Tunsch, Wiesbaden

          Reich-Ranicki: Drei Umstände habe seinen Erfolg ermöglicht. Er kann erzählen, und zwar vorzüglich, er ist intelligent, und zwar außerordentlich, er hat Phantasie, und zwar eine ungewöhnliche. Und das Geheimnis seines Erfolgs? Das gibt es in der Tat, und es heißt: Talent.

          Sie haben vor Jahren „Das Echolot“ von Walter Kempowski, wenn ich mich recht erinnere, ziemlich barsch abgekanzelt. Hat sich inzwischen, wo das ganze Werk vorliegt, Ihre Meinung geändert? G. Herrmann, Heilbronn

          Reich-Ranicki: Ich habe nie das „Echolot“ von Kempowski gelesen, ich kenne keine einzige Zeile dieses sympathischen Schriftstellers. Es ist nicht meine Gewohnheit, Autoren abzukanzeln. Aber bei dieser Gelegenheit hätte ich doch gern erfahren, warum unzählige Menschen mir immer wieder vorwerfen, dass ich angeblich fortwährend Bücher verreiße. So ist das nun: Viele Bücher, die uns von den Verlagen mit Lobeshymnen angeboten werden, sind schlecht. Wer den Beruf des Kritikers ausübt, muss den Mut haben, dies klar zu sagen. Die Deutlichkeit ist die Höflichkeit des Kritikers.

          Theodor Fontane schrieb 1871: „Wir sind nicht dazu da, öffentliche Billets doux zu schreiben, sondern die Wahrheit zu sagen, oder doch das, was uns als Wahrheit erscheint. Denn die Anmaßung liegt uns fern, uns als eine letzte, unfehlbare Instanz anzusehn, von der kein Appell an Höheres denkbar ist.“

          Gibt es Filme, die besser sind als die Literaturvorlage? E. W. Genske, Brühl

          Reich-Ranicki: Ja, das gibt es, wenn auch nicht gerade oft. Bisweilen ist die Literaturvorlage ein unbedeutender Roman, der aber einige ganz gute Handlungsmotive und Figuren hat. Wenn der Drehbuchautor oder der Regisseur sich auf diese Motive und Figuren beschränkt, die anderen hingegen weglässt, kann - im Unterschied zur Vorlage - ein durchaus brauchbarer Film entstehen.

          Was macht eigentlich ein gutes Gedicht aus? Der Kalng, der Reim, der Inhalt? Helmut Sundermann, Karlsruhe.

          Reich-Ranicki: Alles zusammen und auch noch, bitte nicht vergessen, der Rhythmus.

          Ist Benn besser als Wilhelm Busch, Rilke besser als Gernhardt? Inge Meyer, Bochum

          Reich-Ranicki: Hier sollen Autoren miteinander verglichen werden, die mit Sicherheit nicht vergleichbar sind. Da kann ich nicht mitmachen. Statt zu vergleichen empfehle ich Ihnen vorerst zu lesen - den Rilke und den Benn, den Busch und den Gernhardt.

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