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Fracking in Großbritannien : Ausnahmen für den Garten Eden

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Die Regierung in London unterstützt das Fracking zur Gewinnung von Erdgas. Die Bürger von Großbritannien lieben ihre Natur. Die Parks sind ihr Garten Eden. Auch hier soll gebohrt werden. Oder doch nicht?

          William Wordsworth sah den Lake District schon 1810 als „eine Art Nationalbesitz“, an dem jeder mit „Augen zum Sehen und einem Herzen für den Genuss“ ein Recht habe. Die Kehrseite dieser Vorstellung wurde dem romantischen Dichter bewusst, als die Eisenbahn erfunden wurde und die ersten Touristen durch die Landschaft marschierten. England wurde schon zu Shakespeares Zeiten als „zweites Eden“ verherrlicht, sein „grünes und liebliches Weideland“ besungen. Die Landschaftsparks galten als Spiegelung der Freiheitsideale, und es gab Massenproteste, um das Recht zu erkämpfen, ungehindert durchs Land zu wandern.

          Es ist überraschend, dass es fast hundertfünfzig Jahre dauerte, bis Wordsworths Plädoyer für die Erhaltung der „ursprünglichen Schönheit dieser herrlichen Gegend“ rechtlich verankert wurde. Das geschah mit dem 1949 verabschiedeten Gesetz, aus dem die fünfzehn Nationalparks des Vereinigten Königreichs hervorgegangen sind. Seither gilt es, den Erhalt der Natur und ihren Freizeitwert in Einklang zu bringen. Die industrielle Revolution und die Urbanisierung trugen zur Idealisierung der Landschaft bei. Sie ist Bestandteil der nationalen Identität. Obwohl Großbritannien ländlich geprägt ist, leben achtzig Prozent der Menschen in der Stadt. Dort hegen sie ihre Grünflächen, Hintergärten und Blumenkästen und die bukolische Vorstellung von der englischen Landschaft, der ihre Dichter und Maler beharrlich Ausdruck verleihen.

          Diesem Bewusstsein muss die Regierung jetzt Rechnung tragen, obwohl sie die Erdgasförderung durch die umstrittene Fracking-Methode unterstützt. Um die Kritiker zu beschwichtigen, zu denen die Denkmal- und Naturschutzorganisation National Trust gehört, hat die Regierung nun bei der Bekanntgabe der Richtlinien für die Bohrungen eingeräumt, dass sie das Fracking in Nationalparks und Plätzen von herausragender natürlicher Schönheit nur in Ausnahmefällen bewilligen werde. Was die Regierung auch im Hinblick auf die bevorstehende Wahl als Zugeständnis an die Kampagne für ein absolutes Fracking-Verbot in Naturschutzgebieten anbietet, lässt sich auch anders deuten: Der Staat behält sich das Recht vor, zu entscheiden, wo Großbritannien so schön ist, wie es Wordsworth schon besang.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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