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Fotos der „Operation Geronimo“ : Warum wir trotzdem Bilder brauchen

  • -Aktualisiert am

Woher stammt das Loch? Fernsehbilder vom 2. Mai in Abbottabad Bild: Reuters

Es gibt gute Gründe, das Totenbild von Usama Bin Ladin nicht zu zeigen: Wer aber auf Fotografien deshalb verzichten will, weil sie manipulierbar sind, hält den Betrachter zu Unrecht für naiv. Die Debatte befindet sich in einer Schieflage.

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          Wer am Tag nach der Stürmung des Hauses in Abbottabad in die Zeitung schaute, um eine bildliche Vorstellung von dem zu bekommen, was sich dort zugetragen hat, musste sich die Augen reiben. In der F.A.Z. erschien auf der ersten Seite ein extrem unscharfes abstraktes orange-braunes Bild. Zu erkennen war nichts, außer der Aufschrift „News Exclusive“. Erst durch den Untertitel verstand man, dass es sich um ein Standbild aus einer Videoaufnahme des Zimmers handelte, in dem Usama Bin Ladin erschossen wurde. In der Wand klaffte ein Loch, stand dort zu lesen. Doch was dieses Loch riss, ist bis heute nicht klar.

          Was hier im Dunklen blieb, wurde auch wenige Tage später in einem anderen mittlerweile berühmten Foto nicht deutlicher. Das Bild war zur gleichen Zeit, 11.000 Kilometer entfernt, an einem ebenso hochbrisanten Ort entstanden. Man sah die angespannten Gesichter des amerikanischen Präsidenten Obama und seiner Sicherheitsberater, während sie im abhörsicheren „Situation Room“ im Weißen Haus in Washington der Operation „Geronimo“ in Abbottabad folgten, die live von einer Videokamera am Helm eines Soldaten aufgezeichnet und übertragen wurde. Wie so oft, ranken sich auch um dieses Foto mittlerweile endlose Spekulationen: Ist Hillary Clintons Handbewegung zum Mund eine Geste der Angst? Was zeigen die Fotos auf dem Tisch? Warum trägt Obama keine Krawatte und wer ist die junge Frau im Hintergrund? Ja, was erzählen die Kaffeepappbecher über die Versammelten? Doch das Entscheidende an dem Bild ist, dass wir nicht sehen können, was die im Raum Anwesenden vor Augen haben, so dass wir nicht verstehen können, was sie beobachten und wissen.

          Kein Bild könnte diesem Verlangen gerecht werden

          Keines dieser Fotos zeigt das Ereignis, um das es in der Todesnacht ging und das die Welt zu sehen verlangt. Alles sei eine große Lüge, sagen die einen, die glauben, dass der Al-Qaida Gründer längst wieder anderswo abgetaucht ist, und es deshalb auch gar kein Totenbild von ihm geben könne. Man solle das Foto endlich veröffentlichen, fordern die anderen, denn es führe vor Augen, was Bin Ladin wirklich war: Kein heiliger Krieger, sondern ein armseliger Massenmörder. Das Bild zeige, so schreibt die Washington Post, dass der Terrorist am Ende bekommen habe, was er verdiene.

          Was zeigen die Fotos auf dem Tisch? Der erste Mai im „Situation Room”

          Doch kein Totenbild von Bin Ladin könnte diesen Verlangen jemals gerecht werden. Jeder weiß, dass Fotografien im Zeitalter der digitalen Bearbeitung schnell, einfach und fast spurlos zu manipulieren sind und tatsächlich kursierten ja schon kurze Zeit nach der Stürmung des Anwesens in Pakistan gefälschte Bilder vom erschossenen Terroristenführer im Netz. In Wirklichkeit geht es vermutlich auch gar nicht um die Frage des Beweises: Dass Bilder lügen können, ist inzwischen eine Binsenweisheit.

          Allerdings ist es möglich, mit Bildern sowohl an Tätern Rache zu üben wie auch Tote zu rächen - so als handele es sich um Schand- oder Opferbilder. Das Foto des verlausten Saddam Hussein nach seiner Gefangennahme war ein solches Schandbild, während Terroristenvideos im Internet mit den Folterbildern aus Abu Ghraib neue Mitglieder rekrutieren. Beide Weisen des Bildgebrauchs wollte Obama nach eigenem Bekunden mit der Sperre verhindern, die er über die Veröffentlichung des Totenbildes von Bin Ladin verhängte. In seiner umsichtigen Begründung vom 4. Mai erklärte er, dass man weder mit den Bildern als Trophäen protzen wolle, noch der in ihnen sichtbare gewaltsame Tod als Grundlage für eine Märtyrerkult und weitere Gewalt dienen solle. Man kann ihm nur zustimmen: Dieses Bild brauchen wir nicht.

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