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Fotoausstellung in Berlin : So queer kann das Leben sein

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Widerstand und Würde: Zanele Muholi fotografierte „Trost“ (Comfort) im Jahr 2003 Bild: Zanele Muholi, Mit Genehmigung der Künstler*in und Stevenson, Cape Town/Johannesburg/Amsterdam and Yancey Richardson, New York

Stahlschwamm im Haar und den Körper mit einem Saugrohr umwickelt: Der Gropius Bau in Berlin zeigt Zanele Muholis verzaubernde Bildmetaphern für beklemmende Lebensumstände in Südafrika.

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          Das Erste, was sich vor dem Werk von Zanele Muholi vermittelt, ist die ungeheure Wucht der Bilder. Das ist er­staunlich, da es sich bei den mehr als zweihundert Fotografien, die derzeit im Berliner Gropius Bau in einer ersten Überblicksausstellung der Künstlerin zu­sammenkommen, um Porträts handelt. Keine vordergründigen Dramen beherrschen die Szenen, sondern Gesichter. Diese Porträts bilden ein über die vergangenen knapp zwanzig Jahre gewachsenes und sich beständig weiterentwickelndes visuelles Archiv von schwarzen queeren und Transidentitäten aus Südafrika, wo Muholi 1972 zur Welt kam, aufwuchs, Fo­tografie am Market Photo Workshop studierte, und wo sie bis heute lebt.

          Mit radikaler Konsequenz und konzeptioneller Geschlossenheit treibt sie ihr Werk in Form eines „visuellen Aktivismus“ voran, wie sie ihre Arbeit an fotografischen Langzeitprojekten nennt. Was die Bilder untereinander verbindet: im­mer wieder bleibt man an den Augen der Personen hängen. Sie scheinen unsere Blicke nicht nur aufzunehmen, sondern auch aus den Bildern zurückzuschauen. Manchmal handelt es sich um die Augen der Fotografin, denn nicht wenige der Ar­beiten sind Selbstporträts.

          Die Augen als bestimmendes Element herauszustellen gelingt Muholi, weil ihre Protagonistinnen (wie auch sie selbst) in keine unmittelbar zu identifizierenden räumlich-sozialen Kontexte eingebettet sind. Vielmehr arbeitet sie mit einer gra­fischen und zuweilen monochromen Auf­lösung des Hintergrundes. Diese Auffassung von Raum reicht ihr als Bühne, vor der sich die Akteurinnen aufbauen und be­haupten. Es ist ein in allen Facetten dokumentarisches Werk, das nicht über das Er­zählen von Geschichten funktioniert, sondern das über die Sprache der Augen eine Form der Zeugenschaft ablegt.

          Heil der dunklen Löwin

          Dies kann nur durch eine enge Zusammenarbeit mit den Protagonistinnen ge­lingen. Muholi versteht sie als Beteiligte in einem Prozess, in dem es darum geht, ihrer Community ein Gesicht zu geben, namentlich der südafrikanischen Community der LGBTQIA+ – also all jener Personen, die sich außerhalb des cis-heteronormativen Spektrums identifizieren: als lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer, inter, asexuell und agender. Ge­nauso ist der Künstlerin daran gelegen, gängige Blickregime aufzulösen. Darin liegt ihre queere Praxis.

          Zentral ist die Serie „Faces and Phases“, ein seit 2006 gewachsenes Bild­ar­chiv, das aus mittlerweile mehr als fünfhundert Porträts von schwarzen Lesben, trans und gender-nonkonformen Per­sonen besteht. Obwohl die Post-Apartheid-Verfassung weltweit die erste war, die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung verbot, ist die südafrikanische LGBTQIA+-Community noch heute andauernden Verfolgungen und Hassverbrechen ausgesetzt, die nicht zuletzt auf ein hetero-koloniales Selbstbild zurückgehen. Muholi setzt mit einer Bildgewalt dagegen, die von Empathie getragen ist. Ihr Projekt ist das der Sichtbarmachung, Selbstbehauptung und Würdigung queeren Lebens. Der Mut Muholis und ihrer Mitstreiterinnen kann dabei nicht hoch genug geschätzt werden, denn „Faces and Phases“ operiert nicht nur über eine Form der visuellen Offenlegung, ihre Pro­­tagonistinnen treten auch namentlich nach vorn. Was das bedeutet, wird klar, wenn man erfährt, dass nicht wenige von ihnen niederträchtig ermordet wurden.

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