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Fotografiegeschichte : Abstrakte Bilder aus dem Wirtschaftswunderland

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Abstraktion war das Zauberwort: Die Galerie Kicken in Berlin widmet der „Subjektiven Fotografie“ im Nachkriegsdeutschland eine grundlegende Ausstellung.

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          Rudolf Kickens jüngste Ausstellung führt uns in die Epoche unmittelbar nach 1945, als viele Künstler, zumindest in Westdeutschland, die historische „Stunde Null“ auch als ästhetischen Neuanfang zu nutzen versuchten. Die Nachkriegsliteraten fanden damals ihr Forum in der „Gruppe 47“, und ganz ähnlich organisierte sich nur zwei Jahre später eine Handvoll avantgardistischer Fotografen in der Gruppe „fotoform“. Auch dies war eine Art Klub, auch hier gab es über neu vorgestellte Werke gnadenlose Abstimmungsrituale.

          Nur wenige Jahre hielt der strenge Fotoklub zusammen, dann zerstritt man sich, und der kleine Verein verschwand in der größeren und toleranteren Gruppe „Subjektive Fotografie“. Der Fotograf Otto Steinert, Gründervater beider Gruppen, verstand es, aus der „Subjektiven Fotografie“ eine Art Markenzeichen zu machen, das in den fünfziger Jahren durch Ausstellungen und Katalogbücher beim Kunstpublikum bemerkenswert erfolgreich war.

          Das Geheimnis dieses Erfolgs lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Abstraktion. Subjektive Fotografie meinte im Klartext: abstrakte Fotografie, und Abstraktion war damals das Zauberwort fast aller Kunstdiskussionen. Ohne Abstraktion keine Modernität, und wer will schon in der Wiederaufbauzeit nach einem Weltkrieg für unmodern und gestrig gehalten werden. Seinen Höhepunkt fand der Kult der Abstraktion, als der Kritiker Werner Haftmann Mitte der fünfziger Jahre die Abstraktion als eine völkerverbindende „Weltsprache“ proklamierte: Schien nicht die Kunst sich weltweit auf das Endziel Abstraktion zuzubewegen? Das glaubte damals fast jeder, heute weiß jeder, dass es so simpel nicht war. Stattdessen herrscht nun aber schon eine neue Versimpelung, dass nämlich die ganze Nachkriegsabstraktion nur ein Propagandainstrument des Kalten Kriegs gewesen sei.

          Geht man durch die Ausstellung in der Galerie Kicken, so sind alle theoretischen Streitereien schnell vergessen. Die knapp sechzig Aufnahmen von fast dreißig Fotografen reichen aus, um den künstlerischen Reichtum der abstrakten Fotografie zu demonstrieren. Obwohl es in der großen Bauhauszeit schon ganz ähnliche Tendenzen in der Fotografie gegeben hat und obwohl in der Nachkriegszeit oft unübersehbar mit den gleichen technischen Tricks - zum Beispiel Solarisation, Fotogramm oder Mehrfachbelichtung - gearbeitet wurde, fällt es nicht schwer, aus den Bildern der Subjektiven Fotografie den Touch der fünfziger Jahre herauszulesen.

          Es gibt eine Wirtschaftswunderästhetik, die so ganz anders ist als der revolutionäre Elan der Bauhauszeit. Die Ausstellung führt uns in jene Jahre zurück, als das Düsseldorfer Dreischeibenhaus mit seinen gläsernen Vorhangfassaden eine Art Wahrzeichen der Bundesrepublik war, als Hans Hartung als das Nonplusultra moderner Malerei galt und als die deutsche Skulptur von Norbert Krickes Raumplastiken beherrscht wurde. Alles war graphisch und linear, ob dynamisch gebündelt oder präzise gerastert wie ein Blatt Millimeterpapier.

          Die größte Überraschung der Ausstellung ist jedoch ihre Internationalität. Mit der Subjektiven Fotografie war es der deutschen Nachkriegskunst gelungen, international Beachtung zu finden. Was Kicken in verschiedenen Ländern an Fotografien aufgespürt hat, ist bewundernswert. Dass Amerikaner wie Harry Callahan, Aaron Siskind und Minor White eine Affinität zur Gruppe hatten, war bekannt, aber wer weiß schon, dass auch Frederick Sommer oder William Klein gelegentlich Bilder komponiert haben, die man der Gruppe zurechnen kann, und dass dies auch für Fotokünstler in Schweden, in Brasilien oder in Japan gilt.

          Rudolf Kicken kann ihre Werke zeigen, sie sind allesamt von erstaunlichem Niveau. Selbstverständlich sind die großen Namen gut vertreten - Otto Steinert, Peter Keetmann, Toni Schneiders, Heinz Hajek Halke -, aber daneben wimmelt es in dieser Pionierausstellung nur so von Entdeckungen. Rudolf Kickens „Subjektive Fotografie“ ist eine Zeitreise, die uns mitnimmt in eine immer noch unterschätzte Epoche der deutschen - und der internationalen - Fotografie. (Die Abzüge, fast durchweg aus der Entstehungszeit, kosten zwischen 3000 und 50.000 Euro).

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