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Fotografie : Es ist eine seltsame Welt, nicht wahr?

Die Chelsea Galerie zeigt auf Sylt Fotos des Kinoregisseurs David Lynch. Die beklemmende Wirkung seiner „Dark Images“ bleibt von der romantischen Inselkulisse unberührt.

          2 Min.

          David Lynch ist der Regisseur, in dessen Kinofilmen mal ein Kopf aus einem Fenster kullert, mal ein abgeschnittenes Ohr auf einer Wiese liegt und ein anderes Mal ein Hund die abgefetzte Hand eines Verletzten im Maul davonträgt. Da muss man sich nicht wundern, wenn er in seinen Fotografien Frauenleiber zerschneidet oder Blut aus einem aufgerissenen Mund zu quellen scheint. Es ist eine düstere Welt, in die er den Betrachter zieht - hinab bis in die tiefsten Abgründe der Seele. Aber auf seltsame Weise ist sie schön. Glatt. Perfekt.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Fast wie polierter Mamor wirken manche seiner Figuren auf den großformatigen Schwarzweißabzügen. Und so passt die Doppelausstellung „Dark Images“ der Sylter Galerie Chelsea, die sie an zentralem Ort in Kampen sowie in der romantisch entlegenen Dépendance am Rande des Weilers Morsum zeigt, doch irgendwie zu dieser Insel, auf der mit Freude der schöne Schein glänzender Oberflächen zur Schau getragen wird. „It’s a strange world, isn’t it?“ war der zentrale Satz in Lynchs Kinofilm „Blue Velvet“ aus dem Jahr 1986: „Es ist eine seltsame Welt, nicht wahr?“ Sehr wahr!

          Im Keller laufen Kurzfilme. Das Frühwerk von David Lynch. Fingerübungen, in denen sich die Figuren immer tiefer in ihre Albträume verstricken. Beklemmende Szenen, ohne viel Aufwand gedreht, die den Besucher frösteln machen. Oben läuft eine vermeintliche Dokumentation über David Lynch als Fotografen: Aber dann explodieren die Farben, und alles ist mit einem Mal gelb oder rot überstrahlt. „Mein erstes Foto habe ich mit vierzehn gemacht“, sagt Lynch ganz emotionslos, „von einem schönen Mädchen.“ Und schon hat man Angst um die junge Frau. Und dann sagt er, dass er die Digitalfotografie liebe, weil sie ihm viel mehr Möglichkeiten biete, kreativ zu sein. Und man sieht, wie er vor seiner großen Studiokamera in einem kleinen Kästchen Objekte arrangiert wie ein Regisseur sein Material auf einer Theaterbühne.

          Die totale Ästhetisierung

          Prompt fallen einem wieder die Traumszenen seiner Filme ein, in denen etwa ein kichernder Zwerg durch die Dunkelheit tappt. Lynch braucht nicht viel, um uns zu erschrecken. Selbst seinen farbigen Detailaufnahmen von exotischen Blüten haftet ein Moment von Gefahr an. Während er selbst in täglichen Meditationen der Glückseligkeit entgegenstrebt und allerorten Geld für ein riesiges Friedenszentrum sammelt, ist ihm jedes Mittel recht, den Betrachter seiner Arbeiten zu verstören - oder fast jedes.

          Denn was ihn nicht interessiert, ist die Wirklichkeit. Alles bei Lynch ist erfunden, alles wird zur ästhetischen Kategorie. Die Möglichkeiten des Traums schieben deshalb alle moralischen Bedenken zur Seite. Und am Ende erliegt man dem verführerischen Reiz seiner Aktaufnahmen von bleichen, zersplitterten Körpern. „Come see for yourself“, heißt eines seiner Bilder, auf dem unproportional groß die nackte Brust einer Frau durch das Loch in einem Bühnenvorhang zu sehen ist. Plötzlich beginnen die Motive zu flüstern.

          Lynch ist ein Erzähler. In seinen Filmen. Aber eben auch in seinen Fotografien. Dabei blitzt etwa in der Sequenz „Light Cigarette“ die Geschichte gerade so kurz auf, wie ein Zündholz braucht, um aufzuflammen und als weißer Strahl über die Schemen eines Gesichts im Dunklen zu zittern. Draußen, im Garten der Galerie in Morsum, der nahtlos übergeht in weite Wiesen bis zum Deich, steht eine Skulptur des Bildhauers Anatol aus sieben großen Buchstaben: links „NEU“, rechts „GIER“. Sie ist der eigentliche Titel dieser Lynch-Ausstellung.

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