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Fotografie : Drahtseilakt zwischen Kunst und Reportage - Fotos vom 11. September

  • -Aktualisiert am

Zeugnis ablegen: Magnum-Fotografen und der 11. September Bild: dva

Neuer Bildband: Die Magnum-Fotos vom 11. September - ein Versuch, das Ereignis nicht zu ästhetisieren und es dabei doch zu tun.

          Wir haben gelernt, großformatige Publikationen, in denen es um reproduzierte Bilder geht, auf eine ganz bestimmte Art und Weise in die Hand zu nehmen. Sorgsamer schlagen wir sie auf, langsamer blättern wir sie durch als andere Druckwerke. Irgendwie, so vermuten wir, ist hier mehr Kunst zu Hause, gehen visuelles Material und Text im günstigen Falle eine Einheit ein, wollen uns die Bilder etwas sagen.

          Das Magnum-Buch zum 11. September, das die Deutsche Verlags-Anstalt exklusiv für die deutschsprachigen Länder verlegt hat, verlangsamt den Prozess des behutsamen Annäherns gewaltig. Und das, obwohl es kein formstrenges Layout gibt, die Texte in skriptartiger Schreibmaschinentype stehen, ein Inhaltsverzeichnis fehlt und nach 123 Seiten plötzlich ein neues Kapitel aufgeschlagen wird; Kraut und Rüben statt ordentlicher Inszenierung.

          Verzicht

          Es ist das Bild einer Zerstörung, ein Ur-Bild sozusagen, das diesen Umgang zu erfordern scheint. Das Bild und seine Folgebilder erscheinen nochmals vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Der innere Anspruch der Fotografen, die in der dokumentarischen Tradition von Magnum stehen, galt der Authentizität des Ereignisses und dem weitgehenden Verzicht auf eigenes Zutun.

          Folgerichtig versucht der Bildband, von dem als „Buch“ die Rede ist, ästhetische Geste zu unterdrücken. Die Fotografen, die sich am 11. September zu einem Agentur-Treffen in der Stadt aufhielten, wollen schlicht kund tun, was sie am Morgen des 11. September, an dem das World Trade Center einstürzte, an dem Tausende von Menschen panisch flüchteten, an dem Feuerwehr und Polizei in den gespenstischen Winkeln einer brennenden Stadt Menschenmögliches zu leisten versuchten, gesehen haben.

          „Ich traue Worten nicht. Ich traue Bildern“, pointiert der Fotograf Gilles Peress und verzichtet auf erläuternde Bildlegenden. Sein Kollege Adam Wiseman erinnert sich: „Ich habe mich hinter der Kamera versteckt. Meine Kamera war es, die zur Zeugin wurde.“ Beide wollen davon überzeugen, dass sie die Bilder des 11. September - lässt man die nicht hintergehbare Subjektivität des Hinschauens selbst außer Acht - weitgehend ungefiltert haben passieren lassen und deshalb nichts weniger als Wirklichkeit erfahren und ins Bild gebracht haben.

          Zeugnis

          Auch der Herausgeber des Bandes, Magnum-Fotograf Thomas Hoepker, unterstreicht diesen Anspruch in einem eigenem Beitrag: „Ich glaube sehr an die Dokumentarfotografie, ich glaube daran, dass man Bilder vom wirklichen Leben machen muss. Als ich die Bilder unserer Fotografen durchsah, waren auch einige dabei, die sehr schön oder originell komponiert waren - aber sie betonten das Kunstvolle ihrer Fotografie, nicht so sehr das Erzählen einer Geschichte. Wir haben diese Bilder nicht in unser Buch aufgenommen.“

          Der erklärte Zweck des Buches sei es gewesen, Zeugnis abzulegen, denn in einem solchen Augenblick müsse man ganz bescheiden sein. “Wenn etwas derartiges geschieht, kann nichts, was man tut, die richtige Antwort auf diese Ungeheuerlichkeit geben.“ So ernst gemeint dies ist, die weitgehend konzeptlose Realisierung in einem Buch beweist die Absicht, möglichst absichtslos zu dokumentieren und ist insoweit schon Konzept. Schlimmer aber, die Wirklichkeit war vorinszeniert, fürs Fernsehen, für die Fotografen. Ein noch so sachliches Auge hat dieser Wahrheit nicht ausweichen können, nicht einmal das des Magnum-Fotografen.

          Somit sind einige der ausgewählten Arbeiten, von denen viele beim schnellen Hinhalten der Kamera zustande kamen, Monumente auf Papier, solche freilich ohne den erklärten Willen, Monument zu sein. Auch sind sie - bis zu einem bestimmten Grad - Denkmal, im Sinne des Architekten Peter Eisenman, der auf die Frage, wie man den gefallenen Türmen gedenken könnte, antwortete: „Das Denkmal ist in den Medien“. Der Reportagewillen der Fotografen wird von dieser Vor-Inszenierung teilweise so sehr überschattet, dass frühere Bilder, zum Beispiel solche aus dem Filmschaffen Hollywoods, aufscheinen. Obwohl die Magnum-Arbeiten gerade keine Kunst beanspruchen, stehen sie doch im Bann irritierender Künstlichkeit.

          Moral

          Natürlich hat der filmische Dauer-Loop des in den Tower hineinfliegenden Flugzeugs auf CNN eine ganz andere, eben gezielt inszenatorische Dimension. Hiervon ist der Magnum-Band, der um visuelle Integrität bemüht ist und die Bedeutung dieses Erbes dokumentarischer Fotografie ernst nehmen will, weit entfernt. Hoepker möchte der Öffentlichkeit, die das Vertrauen darein verloren hat, dass ein Foto Beweis und Dokument ist, wiedergeben. Und das Gefühl dafür, was im Umgang mit Fotografie moralisch richtig ist.

          Umso mehr erstaunt die romantische Haltung, mit der das Buch beschlossen wird. „Abschied von Türmen“ heißt der Epilog, für den frühere Magnum-Bilder von den noch hochragenden Twin Towers zusammengetragen wurden. Der 11. September erhält am Ende ein bildliches Andenken, so als ob Magnum nur der Kraft des Sichtbaren trauen würde. In den Bildern zuvor aber waren die Türme gerade in der Leerstelle schau- und fühlbar.

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