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Fotofestival mit Agentur Magnum : Ein leerer Stuhl im Familienporträt

Alessandra Sanguinetti hat Angehörige der amerikanischen Armee fotografiert, die demnächst den Rhein-Neckar-Raum verlassen. Bild: Alessandra Sanguinetti/Magnum

Fotojournalismus als Grenzgang: Das 5. Fotofestival Mannheim Ludwigshafen Heidelberg widmet sich der Agentur Magnum und zeigt Arbeiten aus der ganzen Welt, die sich mit Heimatlosen und Flüchtenden beschäftigen.

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          Nach ein paar Stunden ist auch der Altmeister zermürbt. „Zu viele Bilder“, seufzt Thomas Höpker, einst Präsident der Fotoagentur Magnum, der immer gern das Attribut „legendär“ vorangestellt wird. Wir haben noch nicht einmal die Hälfte des 5. Fotofestivals gesehen, das Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg gemeinsam an acht Ausstellungsorten veranstalten. Und Höpker ist immerhin jemand, für den das Anschauen von Bildern zur Berufsbeschreibung gehört, außerdem ist er Schirmherr der Schau, die unter dem Titel „Grenzgänge“ steht. Ein weit gefasster Begriff für alles, was mit Heimat und Ferne, Flucht und Gefangenschaft zu tun hat.

          Wer sich Magnum ins Haus holt, hat praktisch schon gewonnen. Das ist ein großer Name, die damit assoziierten Fotografen haben alle große Namen, das Archiv ist unerschöpflich und deckt alle Themen in allen Ländern der letzten siebzig Jahre ab. Zum Glück vermeidet es die Magnum-Ausstellungsorganisatorin Andréa Holzherr, die zugleich Kuratorin des Festivals ist, die Klassiker zu präsentieren. Die Zementierung seines Mythos hat Magnum auch nicht mehr nötig, im Gegenteil. Magnum besteht fast nur noch aus Mythos und kämpft eher mit dem Bedeutungsverlust, mit dem dieser Tage alles kämpft, was mit Journalismus zu tun hat. Es geht also eher darum, die Legende behutsam in die Gegenwart zu führen.

          Die junge englische Fotografin Olivia Arthur war mit drei Kollegen auf „Deutschlandreise“. Ihre Fundstücke - wie diesen eingehausten Wohnwagen - sind in der gleichnamigen Ausstellung im „zephyr Raum für Fotografie“ in Mannheim zu sehen. Bilderstrecke

          Andréa Holzherr holt Werke ans Licht, die weniger oft zu sehen waren. So schafft sie thematische Schwerpunkte, innerhalb deren bekannte Namen wie Robert Capa und Elliott Erwitt neben denen jüngerer Magnum-Fotografen stehen. Etwa in der Kunsthalle Mannheim: Flüchtlingsbewegungen sind dort das Thema. Während auf der Galerie Schicksale des Zweiten Weltkriegs in Schwarzweiß, gerahmt und klassisch gehängt, präsentiert werden, gruppieren sich Aufnahmen aktuellerer Flüchtlingsbewegungen vor allem aus Afrika und dem Nahen Osten im Parkett um ein Hilfszelt der UN-Flüchtlingshilfe.

          Dort ist jedes Foto ein Klotz, buchstäblich: nämlich einer aus Sperrholz, den man in die Hand nehmen muss, um die Erklärung auf der Rückseite zu lesen. Dinge in die Hand zu nehmen, herumzutragen mit ihrem Gewicht, darum geht es beim Fliehen, und eben daran will die Präsentation erinnern. Das ist ein origineller Ansatz, auch wenn dadurch einige Fotos nur als postkartengroßes Bauklötzchen vertreten sind.

          Amateur-Fotos werden gedruckt, die von Profis ausgestellt

          Überhaupt sind erstaunlich wenig Abzüge traditionell gerahmt. Viel häufiger werden Bilder direkt an Wände geklebt, projiziert, tapeziert. Es scheint, als solle die Musealisierung des Magnumschen Fotojournalismus um jeden Preis vermieden werden. Denn natürlich ändert sich die Aufgabe auch dieser ehrwürdigsten aller Fotografenagenturen: Immer weniger Magazine geben immer weniger Aufträge, übernehmen immer weniger Reisekosten und schon gar keine Spesen. „Das Wunder ist, dass wir ökonomisch noch existieren“, sagt Höpker. Dafür werden immer mehr Fotos gedruckt, die Amateure mit Smartphones machen, die zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Die Aufnahmen der Magnum-Fotografen hingegen landen immer schneller in Ausstellungskontexten. Wie also sieht die Aufgabe einer modernen Magnum-Agentur aus?

          Ein merkwürdiger Zwitter zwischen sorgfältig ausgearbeiteter Schwarzweißfotografie und improvisierter Vorläufigkeit ist die „Deutschlandreise“ im „Zephyr - Raum für Fotografie“ in Mannheim. Vier Fotografen der jüngeren Magnum-Generation waren in Deutschland unterwegs und frei, zu fotografieren, was sie wollten. Das klingt zunächst erfrischend, was auch die eher pinnwandartige Präsentation unterstreicht. Doch dann erweist sich die Auswahl als zu beliebig, nicht streng genug ausgewählt.

          Es scheint, als sei die Abkehr vom schnellen Journalismus, der die tagesaktuellen Ereignisse erfasst, unabwendbar. Viele der ausgestellten Fotografen arbeiten schon jetzt konzeptuell, etwa Magnum-Stipendiat Liu Jie in der Heidelberger Halle02 mit „Migrant Nation“. Er besuchte in China auf dem Land Familien, deren Männer und Söhne in den Großstädten arbeiten, arrangierte sie zu Gruppenporträts und stellte für die abwesenden Familienmitglieder leere Stühle ins Bild. Die Aufnahmen ergänzte er um Porträts der Arbeiter in ihren städtischen Umgebungen und macht damit auf ganz einfache Weise ein gesellschaftliches Massenphänomen des modernen China sichtbar.

          Ähnlich konzeptuell gingen Alessandra Sanguinetti und Donovan Wylie vor, die sich in der Mannheimer Stadtgalerie eines lokalen Themas annehmen: der allmählich abziehenden amerikanischen Armee im Rhein-Neckar-Raum. Hier Porträts von Sanguinetti, dort Wylies nüchterne Architekturaufnahmen der Wohn-, Arbeits- und Freizeitgebäude. Alles hängt ganz normal in Rahmen und wirkt dennoch frisch und aktuell. Es ist ein Glück, dass gerade ein regionales Thema so gut umgesetzt wurde.

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