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Fotoband „Negatives“ : Schwarzer Himmel über dem Tiananmen

Xu Yong dokumentierte die Ausmaße der Demonstrationen, ohne die Bilder jemals zu entwickeln. Bild: Verlag Kettler

Lange hielt der chinesische Fotograf Xu Jong seine Fotografien des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens unter Verschluss. Nun zeigt er sie – auf ungewöhnliche Weise.

          3 Min.

          Ungewöhnlich an diesem Buch des chinesischen Fotografen Xu Yong ist schon, dass ihn eine technische Anweisung begleitet, wie man auf seinen Bildern überhaupt etwas erkennen kann. Man muss auf einem iPhone das Icon „Einstellungen“ anklicken und dann unter den „Bedienungshilfen“ die Möglichkeit „Farben umkehren“ wählen. Nach dieser Prozedur kann man im Sucher der über den Fotoband gehaltenen Handykamera dann tatsächlich scharfe, etwas blasse Farbfotos ausmachen, allerdings genauso seitenverkehrt wie die Bilder im Buch.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Bei ihnen handelt es sich um die Negative von Fotos, die Xu Yong im Frühjahr 1989 von den Massendemonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking gemacht hatte. Die Kundgebungen wurden blutig niedergeschlagen und fielen in den Jahrzehnten danach einer erstaunlich effektiven Tabuisierung zum Opfer.

          Inmitten der globalen Informationsgesellschaft gelang es der chinesischen Regierung, diesen sogenannten Zwischenfall erst gar nicht in die Erinnerung der nachfolgenden Generationen hineinzulassen und dafür zu sorgen, das er einer Mehrheit der beteiligten Zeitgenossen angesichts der weithin anerkannten Großerzählung des nationalen Wiederaufstiegs inzwischen fast schon peinlich ist. Diese zunehmende Entwirklichung des Aufstands gibt den Hintergrund für Xus Negative ab.

          Zwei Kameras gingen zu Bruch

          Er war in jenem Frühling 35 Jahre alt und so aufgeregt, dass er beim Fotografieren mehrmals vom Fahrrad fiel, auf das er sich des besseren Überblicks willen gestellt hatte – zwei Kameras gingen ihm dabei zu Bruch. Doch die vielen Filme, die er mit seinen Konicas belichtet hatte, überlebten. Später brachte Xu Yong es durch seine Schwarzweißfotos alter Gassen und durch seine Mitwirkung an der Gründung des Pekinger Kunstviertels 798 zu einer gewissen Bekanntheit.

          Doch seine Bilder von dem Ereignis, das er vom ersten Tag an visionär als historisches erkannte, hielt er lange unter Verschluss. Erst 2015 veröffentlichte er im Hongkonger Verlag „New Centuries Press“ und im deutschen Verlag Kettler 64 von ihnen (eine symbolische Zahl, denn am 4. 6. fand das Massaker in Peking statt), eben als Negative. Xu Yong lässt in einem bewusst gewunden formulierten Kommentar keinen Zweifel daran, dass die Umstände und das Medium der Veröffentlichung selbst das eigentliche Thema des Buchs sind: „Was sorgfältig in Erwägung gezogen werden sollte, sind die gesellschaftlichen Bedingungen, die zur Verzögerung der Fertigstellung dieses Werks geführt haben.“

          Es geht also nicht bloß um eine Dokumentation dessen, was vor 27 Jahren geschah, sondern um die Repression und die Verdrängung, die seither stattgefunden haben – und die es bis heute als zu riskant erscheinen lassen, die Bilder unverfremdet zu publizieren, auch wenn sie ohnehin keine Chance haben, nach Festland-China zu gelangen. Das Konzeptionell-Indirekte ist hier also auch eine politische Entscheidung, nicht nur eine ästhetische. Bei aller gewohnt seriösen Aufmachung und Druckqualität bekommt der Betrachter das Gefühl, ein Kassiber in der Hand zu halten.

          Das Geisterhafte dieser Bilder mit ihrem schwarzen Himmel, den weißen Köpfen und den Schriftflächen in Türkis erzeugt eine Stimmung der Gefahr. Man spürt, dass da etwas Außergewöhnliches, mit den üblichen Kategorien gar nicht zu Fassendes im Gange ist. Für westliche Betrachter, denen die Tiananmen-Bilder von 1989 vertraut sind, stellt das einen V-Effekt her, der sie überhaupt erst wieder auf die irritierende und durchaus gegenwärtige Wirklichkeit dieses Datums stößt. Für nachgeborene Chinesen dagegen, die solche Bilder nicht kennen oder denen sie bisher nichts bedeutet haben, mag die Verfremdung den Eindruck des Gespenstisch-Undenkbaren verstärken, das schon im Gegenstand der Bilder selbst steckt: Denn dass sich Hunderttausende Menschen ohne staatliche Organisation und sogar im Protest gegen die Regierung mitten im politischen Zentrum Chinas versammeln, erscheint aus heutiger chinesischer Sicht völlig irreal, geradezu psychedelisch.

          Das ernstgemeinte Spiel mit der Subversion beruht hier im Wesentlichen darauf, dass die Wahrheit, die im analog unverfälschten Negativ enthalten ist, durch die oben beschriebene Prozedur nunmehr entziffert werden muss. Und es ist nicht ohne Ironie, dass dieses Verfahren der Wahrheitsfindung dann wieder ein digitales ist. Bedeutet dies, dass die Mächte der Manipulation auch in der Politik am Ende solche der Aufklärung sein können? Xu Yong sind mit seinen Negativen tatsächlich Denkbilder gelungen: voller Trauer, aber nicht ganz ohne Hoffnung.

          Xu Yong „Negatives“

          Verlag Kettler, 48€,  S. 72

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