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Fortsetzungsserie „Comixzeichner in Berlin“ : Unerklärte Verklärung

Tomas Bunk in seinem New Yorker Atelier Bild: privat

In unserem neuen Fortsetzungscomic begibt sich Tomas Bunk auf eine sentimentale Zeitreise ins Berlin der siebziger Jahre, wo er sich zu dieser Zeit eine neue Existenz als Zeichner aufbauen wollte.

          2 Min.

          Vor sechs Jahren, in einer Zeit, als Volker Reiches „Strizz“ noch seinen festen Platz auf den Seiten dieses Feuilletons hatte, lief als Urlaubsvertretung für den sonst nimmermüden Reiche zwei Wochen lang eine Miniserie seines Kollegen und Freundes Tomas Bunk. Sie hieß „Ein Berliner in New York“ und erzählte vom Umzug ihres Autors nach Amerika im Jahr 1983 und den Schwierigkeiten und Freuden, sich dort eine neue Existenz als Comiczeichner aufzubauen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das war aber schon der zweite vollständige Bruch im beruflichen Leben des 1945 geborenen Tomas Bunk gewesen. Der erste fand genau ein Jahrzehnt zuvor statt, als der langjährige Hamburger Kunststudent und gelegentliche Szenenbildner fürs Fernsehen aus Liebe nach Berlin umzog und dort auf seine Berufung stieß: die Comics des amerikanischen Undergrounds. Fortan wollte er zeichnen wie Robert Crumb, oder sagen wir besser: erzählen wie der große Star des Underground. Und das hat Tomas Bunk dann auch gemacht.

          Bilderstrecke

          Dass man damit in den siebziger Jahren keine Reichtümer machte, kann man sich vorstellen. Wie er aber seinem Wunschtraum treu blieb und sich trotzdem durchschlug, das erzählt Bunk nun in seiner neuen Fortsetzungsgeschichte „Comixzeichner in Berlin“. Es ist das Vorspiel zu seinem Aufstieg, der erst in Amerika erfolgte, aber das Zeitkolorit der geteilten Hauptstadt und ihrer Boheme ist hier so intensiv dargestellt, dass es keine Erfolgsgeschichte braucht. Bunk packt alles in seine gerade einmal sechzehn Folgen (also vier Wochen), was diese vergangene isolierte Welt bestimmt hat.

          Entsprechend detailliert und vollgestopft sind seine Zeichnungen, ein denkbar großer Kontrast zu den aufgeräumten „Keuner“-Geschichten, die Ulf K. uns in den letzten drei Monaten an dieser Stelle erzählt hat. Doch Bunk ist auch als einer der etablierten Künstler seines Metiers ein Undergroundzeichner geblieben, und dazu gehört ein dichter Darstellungsstil. Er entstand bei Crumb und Co. aus dem Bedürfnis heraus, viel von sich selbst preiszugeben, ohne aber über die finanziellen Mittel zu verfügen, umfangreiche Publikationen herauszubringen.

          Bewusste Verklärung

          Also gilt es, genau hinzusehen, wobei gesagt sein muss, dass einige Bilder gar nicht gelesen werden können, weil sie Auszüge aus Bunks früheren Arbeiten enthalten, die aber nur als Dekors für das Geschehen dienen, das sich dieser Hintergründe als Stimmungsverstärker bedient. Auch die prinzipielle Euphorie, die den Erzählton bestimmt, ist nicht eins zu eins zu nehmen. Hinter dem scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg dieses Tomas Bunk scheint immer wieder materielle Armut durch. Der klassisch-schaurige Brotberuf des Totengräbers ist da nur ein Aspekt. Diese als „Erinnerungen“ ausgewiesenen Episoden sind ganz bewusste Verklärungen, die man nicht erklären muss.

          So begeben wir uns mit „Comixzeichner in Berlin“ auf eine sentimentale Zeitreise. Übrigens für manche sicher auch zurück in die „Strizz“-Jahre dieser Zeitung. Diesen Lesern sei gesagt, dass es kein Zufall ist, dass Volker Reiches Freund Tomas Bunk, der ihm schon vor sechs Jahren einen notwendigen Freiraum schuf, mit seiner Comicserie jetzt wieder hier auftritt.

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