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Fortsetzungscomic : „Der Boxer“ von Reinhard Kleist

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Geschichte eines Schicksalsschlägers: Reinhard Kleist erzählt das unglaubliche, aber wahre Leben des jüdischen Boxers Hertzko Haft, der die Konzentrationslager der Nazis überlebte und dann eine Profikarriere in den Vereinigten Staaten einschlug.

          Was ist das, dieser Comic? Abenteuergeschichte, Geschichtsschreibung, gezeichnete Memoiren? Er ist all das. Und mehr: eine gezeichnete Lebensbeichte des 1925 in Polen geborenen Hertzko Haft, die ihre Schwerpunkte in zwei einschneidenden biographischen Erlebnissen findet: dem Zweiten Weltkrieg, in dem Hertzko als Jude in die Vernichtungsmaschinerie der Deutschen geriet, und dem Neubeginn des Überlebenden nach dem Krieg in Amerika.

          Beides konnte er nur als Boxer schaffen. Im Konzentrationslager wurde Hertzko von seinen Bewachern zum Faustkampf gezwungen und fand darin seine Überlebensstrategie. In Amerika setzte er dann fort, was er als Häftling angefangen hatte, um sich einen Namen als Boxer zu machen und dadurch seine in Polen verschollene Freundin wiederzufinden, falls auch sie den Lagern entkommen sein sollte. Eine Lebens- und Liebesgeschichte - zusammengehalten von den Seilen des Boxrings.

          Die Geschichte, die der Berliner Comiczeichner Reinhard Kleist in „Der Boxer“ erzählt, ist wahr. Hertzko Haft hat es tatsächlich gegeben, und es ist seinem Sohn Alan Scott Haft zu verdanken, dass wir von diesem Schicksal wissen, denn aus Hertzkos hochfliegenden Profiboxerplänen ist doch nichts geworden. Vor fünf Jahren erschien erst in den Vereinigten Staaten und 2009 schließlich auch auf Deutsch das Buch „Eines Tages werde ich alles erzählen“ (Verlag Die Werkstatt, Göttingen), in dem der Sohn das Leben des Vaters nach dessen Erzählungen schildert. Reinhard Kleist war sofort fasziniert von dem Stoff, und Alan Scott Haft freute sich über das Interesse eines jungen Comiczeichners aus Deutschland.

          Avantgardist der deutschen Graphic Novel

          Einen besseren grafischen Biographen konnte er sich auch kaum wünschen. Kleist, 1970 in Hürth bei Köln geboren, ist einer der wenigen international erfolgreichen deutschen Comiczeichner, und das verdankt sich vor allem seiner 2006 erschienenen Biographie des Countrysängers Johnny Cash, „Cash - I see a darkness“.

          Das war ein fulminantes Comeback für Kleist, der schon für seinen Debütband von 1994, das opulent gestaltete Album „Lovecraft“, den Max-und-Moritz-Preis des Comicsalons in Erlangen und damit die wichtigste Auszeichnung seines Fachs in Deutschland gewonnen hatte. Doch kurz danach verabschiedete sich Kleist vom prestigeträchtigen Albenmarkt und zeichnete mit „Amerika“ 1998 eine episch-phantastische Erzählung in strengem Schwarzweiß und kleinem Format. Damit war er seiner Zeit weit voraus, denn der Graphic-Novel-Boom stand noch aus, und für anspruchsvolle persönliche Stoffe gab es in Deutschland kaum Publikum.

          Berliner Clubkultur in Comicform

          Kleist hat sich indes nie beirren lassen. Mit „Fucked“ publizierte er 2000 eine Heftserie über die Clubkultur in seiner neuen Heimatstadt Berlin, und mit dem mehrbändigen Zyklus „Berlinoir“ nach einem Szenario des Schriftstellers Tobias O. Meißner kehrte er 2003 auf den Albenmarkt zurück, um mit „Cash“ wenig später wieder formal an „Amerika“ anzuknüpfen. Und diesmal traf er genau den Zeitgeschmack. „Cash“ wurde zum ersten großen deutschen Graphic-Novel-Verkaufserfolg und fand rund um die Welt Beachtung. Das lag daran, dass Kleist sich am amerikanischen Comicrealismus, wie ihn Will Eisner geprägt hat, orientierte. Mit „Castro“, Kleists im vergangenen Herbst erschienenen mehr als zweihundertseitigen Opus magnum über die kubanische Revolution, hat er grafisch wie erzählerisch seine deutschen Ursprünge endgültig hinter sich gelassen. Mit „Der Boxer“ setzt er diese Arbeit konsequent fort.

          Natürlich denkt man an Art Spiegelmans „Maus“, wenn es um die Darstellung eines Überlebenden der Schoa im Comic geht. Doch Kleist geht die Sache anders an, geradliniger und sachlicher - es ist ja nicht seine eigene Familiengeschichte wie bei Spiegelman. Der Schrecken und die Drastik sind deshalb nicht geringer, und es wird Szenen in „Der Boxer“ geben, die an die Grenzen des Darstellbaren und Erträglichen führen. Anders in Bildern vom Leben des Hertzko Haft zu erzählen, wäre indes unlauter.

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