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Ideologie des Silicon Valley : Alles so schön vernetzt hier

  • -Aktualisiert am

Der Unternehmer als technologischer Aufklärer und sein Slogan: Mark Zuckerberg bei einem Vortrag auf der Facebook Developer Conference in San Francisco Ende April dieses Jahres Bild: AP

Die IT-Industrie verkauft ihre technologischen Innovationen als fraglosen Fortschritt. Aber das ist noch lange kein Grund, ihr diese Selbstdarstellung zu glauben. Ein Blick auf neue Beispiele.

          Seit sieben Jahren sind wir Geiseln zweier sozialer Erdbeben, oder sagen wir: Disruptionen. Die eine fand an der Wall Street statt, die andere im Silicon Valley, und beide passen so hervorragend zusammen wie der gute und der böse Cop. Auf die eine folgen Einschränkungen und Sparen, auf die andere Überfluss und Innovation. Man könnte sie für eigenständige Phänomene halten, tatsächlich aber besteht zwischen ihnen ein enger Zusammenhang.

          Die globale Finanzkrise (mitsamt den eiligst betriebenen Bankenrettungen) hat noch die letzten Reste des Wohlfahrtsstaats ausgetrocknet, jedenfalls in weiten Teilen Europas. In der Folge ist der öffentliche Sektor – der einzig verbliebene Schutz vor der übermächtigen neoliberalen Ideologie, die unermüdlich versucht, für alles einen Markt zu schaffen – empfindlich geschwächt, hier und da sogar liquidiert worden.

          Alles so schön vernetzt

          Die wenigen staatlichen Dienstleistungen, welche die Haushaltskürzungen überstanden haben, sind entweder unglaublich teuer geworden oder müssen mit neuen, zuweilen populistischen Überlebensstrategien experimentieren. Ein schönes Beispiel sind Kultureinrichtungen, die wegen des Verlustes üppiger staatlicher Subventionen genötigt sind, ihr Geld per Crowdfunding direkt bei den Bürgern einzusammeln. Die Alternative lautet also: Anpassung an den Markt (die Masse weiß am besten, was gut ist) oder Untergang.

          Das zweite Beben wird dagegen als überwiegend positive Entwicklung begrüßt. Alles wird einfach digitalisiert und vernetzt – eine ganz natürliche Angelegenheit, wenn wir den Kapitalgebern glauben sollen. Institutionen können dabei mitmachen, andernfalls werden sie untergehen. Nachdem Silicon Valley die ganze Welt vernetzt hatte, wurde uns versichert, der Zauber der Technologie werde noch das letzte Eckchen unseres Alltagslebens durchdringen. Sich den technologischen Innovationen zu widersetzen heißt gemäß dieser Logik, die Ideale der Aufklärung zu verraten. Larry Page und Mark Zuckerberg sind der neue Diderot und Voltaire, wiedergeboren als Unternehmer-Nerds.

          Technologische Imperative statt Politik

          Und dann passierte etwas sehr Merkwürdiges. Irgendwie glauben wir, dass das zweite Erdbeben nichts mit dem ersten zu tun hat. Das Aufkommen von Massive Open Online Courses (MOOC) wurde ohne jeden Hinweis auf die schrumpfenden Budgets von Universitäten präsentiert. Die MOOC-Manie sei nur ein Beweis für die Innovationsfreudigkeit von Silicon Valley, die Universitäten würden genauso umgekrempelt wie die Musikbranche oder der Journalismus. Auch das Aufkommen von Selftracking-Apps wurde nicht mit der Tatsache verknüpft, dass eine alternde Bevölkerung, die mit Übergewicht und vielen anderen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, das ausgehöhlte Gesundheitssystem vor Herausforderungen stellt. Der staatliche Gesundheitssektor hatte einfach seinen „Napster“-Moment.

          Es gibt noch viele vergleichbare Beispiele. Vom Crowdfunding von Kultureinrichtungen bis hin zu datengestützten Überwachungsmaßnahmen durch die Polizei: Das weitaus interessantere Narrativ der technologischen Disruption verdrängte die politische und ökonomische Disruption, die wenig mit Technologie zu tun hatte, aus dem Rampenlicht.

          Vom Komischen zum Viralen

          Wann immer diese beiden Formen von Disruption aufeinandertreffen, lohnt es sich, den Blick auf ihre wechselseitigen Verknüpfungen zu lenken, und sei es nur, um nicht zu vergessen, dass das lautstark verkündete Evangelium der Innovation einen dunkleren Soundtrack hat, der im Hintergrund mitläuft. Die jüngste Kollision ereignete sich in einem Boulevardtheater in Barcelona, dem Teatreneu. Wie in vielen anderen spanischen Kultureinrichtungen hat man dort mit sinkenden Zuschauerzahlen zu kämpfen, seit der klamme Staat die Ticketsteuer von acht auf einundzwanzig Prozent erhöhte.

          Die Betreiber des Teatreneu hatten eine Idee: In Kooperation mit der Werbeagentur Cyranos McCann wurde die Rückseite eines jeden Sitzplatzes mit schlauen Tablets ausgestattet, die den Gesichtsausdruck analysieren können. Nach diesem Modell haben Gäste kostenlos Eintritt, müssen aber dreißig Cent für jeden von dem Tablet erkannten Lacher bezahlen – maximal 24 Euro (also achtzig Lacher) pro Abend. Bezahlt wird per Mobiltelefon. Die Einnahmen sollen sich um sechs Euro pro Ticket erhöht haben. Als Bonus kann man auch ein Selfie an Freunde verschicken: Der Weg vom Komischen zum Viralen war noch nie so kurz.

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