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Forsythe im Museum : Choreographisch denken

William Forsythe inmitten seiner Installation „The Fact of Matter“ Bild: Wonge Bergmann

Mit einer Museumsausstellung kehrt William Forsythe als Künstler nach Frankfurt zurück. Er zeigt, dass Choreographie auch ohne Tanz fasziniert.

          Komm, wir spielen „Nicht den Boden berühren“. Wie bei Pippi Langstrumpf. Nur geht es nicht über Schränke und Bänke, sondern, äußerst mühselig, durch zweihundert weißliche Kunststoffringe, aufgehängt an grauen Transportbändern. Wer sich da hindurchhangelt, vorausgesetzt, man schafft es überhaupt ein paar Ringe weit, lernt sie kennen, die Tücken der Schwerkraft und die Tatsachen der Materie. Schlimmstenfalls der eigenen Masse.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Damit ist man auch schon mittendrin in „The Fact of Matter“, denn die Ring-Installation, 2009 zur Biennale in Venedig entworfen, gibt gleich der ganzen Ausstellung ihren Titel, die jetzt im Frankfurter Museum für Moderne Kunst eine bislang weniger bekannte Entwicklung sichtbar macht. Dreißig Jahre lang hat William Forsythe von Frankfurt aus als Choreograph Tanzgeschichte geschrieben. Erst wurde, nach zwanzig Jahren, 2004 das Ballett Frankfurt eingespart, in diesem Frühjahr hat die deutlich kleinere Forsythe Company, mit der Forsythe noch zehn Jahre zwischen Frankfurt und Dresden weitermachte, den Betrieb eingestellt. Zuletzt musste es gar ohne Forsythe selbst gehen; nach Erkrankung und Burn-out war er nurmehr als Berater tätig in einer Struktur, die er offensichtlich als Bürde empfunden hat.

          Parallel zur Abwicklung seiner eigenen Company hat Forsythe mit Kurator Mario Kramer schon an dieser ersten Gesamtschau gearbeitet, die zeigt, wohin sich sein Fokus seit geraumer Zeit verschoben hat. Hin zur Kunst und hin zu seiner Überzeugung, dass Choreographie, als Organisation von Raum, Zeit, Körpern, nicht notwendigerweise mit Tanz verknüpft sein müsse. Die gigantische Hüpfburg „White Bouncy Castle“ (1997) oder die Hallen voller weißer Luftballons von „Scattered Crowd“ (2002) waren schon solche spielerischen und unterhaltsamen Versuche, jedermann zum Protagonisten in Forsythes „choreographic objects“ zu machen. Aber nicht, nach dem gern zitierten Laban-Satz, zum Tänzer. Forsythe hat sich, und das zeichnet auch seine leichtfüßig interaktiven Installationen aus, nie für Dilettantismus und Mitmachtheater interessiert. Selbst wenn in seinen Stücken Quatsch gemacht wurde, dann nur von Leuten, die sich aufs Tanzen und Performen verstehen.

          Befreit kehrt Forsythe zurück

          Offensichtlich von Ballast befreit kehrt Forsythe, der auf die 66 zugeht, nun nach Frankfurt zurück, als Künstler, der sich gleich ein ganzes Museum als Choreographie vorgenommen hat, samt seiner Besucher, und der Kunst, die er aus dessen Sammlungen ausgewählt hat. Von „City of Abstracts“ an, einer Installation, die vor fünfzehn Jahren schon im Frankfurter Stadtraum zu sehen war und die nun im Foyer des Museums die Besucher zu eleganten Tänzerfiguren morpht, wird aber vor allem das, was choreographische Organisation ausmacht, in Bezug zur bildenden Kunst gesetzt, gewitzt, oft mit einem unsichtbaren, aber hohen technischen Aufwand. Andreas Slominskis grotesk riesige „Fanganlage für Wildschweine“ (1999) etwa kontrastiert mit dem beengten „A Volume, within which it is not Possible for Certain Classes of Action to Arise“, einer auf die exakte Höhe eines Sarges abgesenkten Gipswand, die durchkriechen darf, wer mag - und kann.

          Forsythe, der Wissbegierige, hat in seiner Karriere den Tanz mit Kunst, Architektur, neuen Medien, Popkultur in Beziehung gesetzt. Nun lässt er das Publikum Raum und Zeit, Punkt und Linie, Präsenz und Vergänglichkeit in schlichten Installationen erfahren, die wiederum auf dreißig Jahren Tanz-Erfahrung aufbauen: etwa die Videos, die aus dem Stück „Stellenstellen“ (2012) entstanden sind, Knoten von Tänzern, die größtmögliche Berührung ihrer Körper erzeugen. Gegenüber hat Forsythe Jens Rischs „Seidenstück I“ (2000-2004) aufgestellt, einen Endlosknoten aus tausend Metern weißem Seidengarn. Linien in Raum und Fläche von Cy Twombly über Fred Sandback gesellt er „Instructions“ an das Publikum zur eigenen Linienführung und sein legendäres Video „Solo“ von 1997 bei. „Nowhere and Everywhere at the same Time“ war 2007 eine stundenlange Tanzperformance, nun sollen die Besucher den aggressiv tickenden, computergesteuerten Pendeln im Raum ausweichen.

          So wird aus „The Fact of Matter“ ein Parcours, der selten so anstrengend, aber meist so unterhaltsam ist wie die titelgebende Turnübung. Man erfährt viel über den eigenen Körper und über Kunst im Raum. Vor allem aber sieht und erfährt man Forsythes choreographisches Denken. Und wünschte sich, es gäbe viel mehr Tanz, an dem es sich lohnen würde, diesen Blick zu erproben.

          Die Ausstellung

          William Forsythe. The Fact of Matter. Bis 31. Januar im Frankfurter Museum für Moderne Kunst zu sehen.

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