https://www.faz.net/-gqz-8te

Zukunftspotentiale : Bildung ist das letzte Reservat

  • -Aktualisiert am

Bild: AP

Die Welt ist im Wandel, nur das Bildungssystem hält nicht Schritt. Unsere Schulen sind der letzte Hort, der sich der digitalen Revolution widersetzt. Hier vergeuden wir das Potential der Jugend.

          7 Min.

          Wir leben in einer Zeit, da viele der führenden Wirtschaftsnationen nicht so gut dastehen, wie von ihnen zu erwarten wäre. Jeder Unternehmer wird Ihnen sagen, dass unsere Welt in einem rasanten Wandel begriffen ist. Dass der Wettbewerb schärfer geworden ist, Erfolg stärker belohnt und Scheitern unnachsichtiger bestraft wird als je zuvor. Für jedes Unternehmen geht es entscheidend um Humankapital - wie man es findet, entwickelt und pflegt. Wohin wir auch sehen, der technische Fortschritt sorgt für größere Produktivität - es entstehen Arbeitsplätze, die es vor einigen Jahren noch nicht gab und die uns aus den Fesseln von Zeit und Ort befreien. Das gilt für alle Bereiche des Lebens, ausgenommen - die Schulen.

          In jedem anderen Lebensbereich würde jemand, der nach fünfzigjährigem Schlaf wieder aufwacht, die Welt um sich herum nicht mehr erkennen. Ärzte, deren Diagnoseinstrumente früher in eine Ledertasche passten, würden erstaunt sehen, dass heute Computertomographen und Magnetresonanztomographen zum Einsatz kommen. Börsenmakler, die früher altmodische Wertpapiere ausgaben, sind durch den Online-Handel verdrängt worden, so dass man weltweit rund um die Uhr Geschäfte tätigen kann. In meiner eigenen Branche: Redakteure, die ihre Zeitung am Vorabend produzieren, haben es inzwischen mit Lesern zu tun, die sich Nachrichten auf ihre Mobilgeräte liefern lassen.

          Anders dagegen das Bildungswesen. Unsere Schulen sind der letzte Hort, der sich der digitalen Revolution widersetzt. Für jemanden, der heute nach fünfzigjährigem Schlaf aufwacht, sehen die Klassenzimmer nicht sehr viel anders aus als vor hundert Jahren - der Lehrer oder die Lehrerin steht vor der Klasse, unterrichtet wird mit Lehrbuch, Tafel und Kreide. Dies ist ein unglaublicher Mangel an Phantasie. Mehr noch, es ist ein Pflichtversäumnis gegenüber unseren Kindern und Enkeln - und eine Einschränkung unserer Zukunft.

          Kindle und Laptop für jeden

          Die alte Antwort - das Problem mit Geld lösen - funktioniert erwiesenermaßen nicht. Wir in Amerika haben die Ausgaben für Grund- und Oberschulen in den letzten drei Jahrzehnten verdoppelt, aber die Ergebnisse sind enttäuschend. Es hat nicht funktioniert, weil das Geld in ein System geflossen ist, das nicht der Bildung dient, sondern eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Lehrer und Verwaltungsleute ist. Und dann fragen wir uns, warum wir Städte wie Detroit haben, wo fast die Hälfte der Bevölkerung nicht lesen kann und die Leute immer weiter abgedrängt werden.

          Die Mandarine der Mittelmäßigkeit erklären, dass die Schüler zu arm sind oder aus schwierigen Familien kommen oder Einwanderer sind, die unsere Kultur nicht verstehen. Unsinn. Eine solche Haltung ist arrogant, elitär und vollkommen inakzeptabel. Wenn ich Länder wie China und Indien besuche, stelle ich verblüfft fest, wie viel man dort bei viel geringeren Ressourcen leistet - und wie entschlossen man auf Innovation setzt. Diese Einstellung geht aus internationalen Vergleichen hervor, bei denen die ersten Plätze oft von Asiaten, die mittleren und hinteren Ränge von den westlichen Industrieländern eingenommen werden. Die asiatischen Tiger haben den unfairen Vorteil, dass die Tigermütter in ihren Kindern ein Potential sehen und nicht etwa eine Einschränkung für das eigene Leben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Will nicht weichen: Baschar al Assad am Mittwoch in Idlib

          Syrien-Konflikt : Wer Schutz verspricht, muss schützen

          Seit Jahren wird über sichere Zonen in Syrien diskutiert, doch nie waren die Umstände widriger. Nato-Mitglieder zweifeln an Deutschlands Motiven – derweil spielen russische und türkische Einsatzkräfte vor Ort ihre Macht aus.
          Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im September bei der Kartoffelernte in Heichelheim.

          Linkspartei in Thüringen : Ganz anders als gedacht

          In Thüringen führt Bodo Ramelow seit fünf Jahren die erste rot-rot-grüne Regierung. Am Sonntag will er wiedergewählt werden. Selbst ohne eigene Mehrheit könnte er im Amt bleiben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.