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Züricher Universitätsskandal : Rolle rückwärts

  • -Aktualisiert am

Untersuchungshaft, Entlassung, Titelaberkennung: Wenig blieb der Medizinhistorikerin Iris Ritzmann an der Universität Zürich wegen angeblichen Geheimnisverrats erspart. Jetzt rudert die Universität zurück.

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          Die Universität Zürich kündigte kürzlich der Medizinhistorikerin Iris Ritzmann. Jetzt ist ihr Rektor, Andreas Fischer, im Zusammenhang damit „per sofort“ zurückgetreten. Mehrere hundert Wissenschaftler hatten gegen die Entlassung protestiert, der Ruf der Hochschule drohte beschädigt zu werden. Denn die Entlassung erfolgte in einem völlig aus dem Ruder gelaufenen Konflikt um den Nationalrat Christoph Mörgeli. Diesen, ein Mitglied der Schweizerische Volkspartei (SVP) und ebenfalls Medizinhistoriker, hatte die Universität 2012 wegen mangelnder wissenschaftlicher Leistungen und Verletzung seiner Loyalitätspflicht – sprich: massiver öffentlicher Vorwürfe gegen seinen Arbeitgeber – entlassen. Der Bericht, der die Zweifel an seinen Leistungen enthielt, war zuvor der Presse zugespielt worden, was Mörgeli in Fahrt und die Universität unter Entscheidungsdruck brachte.

          Rektor Fischer nahm das zum Anlass, aus dem Fall Mörgeli einen Fall Geheimnisverrat zu machen. Die eingeschaltete Staatsanwaltschaft verdächtigte Ritzmann. Bislang ohne Endergebnis, trotz drakonischer Ermittlungstechnik: Untersuchungshaft für Ritzmann und ihren Mann, Durchforstung alle E-Mailkonten der Hochschule, Erstellung einer Liste von Akademikern mit verdächtigen Pressekontakten. Die Worte „verhältnismäßig“ und „Übermaßverbot“ schienen uns bis dahin gut zur Schweiz zu passen. Jetzt aber sah es so aus, als gehe es um Daten millionenschwerer Steuersünder, Industriespionage oder militärischen Geheimnisverrat. Ein Strafverfahren freilich wurde bis heute nicht eröffnet. Dafür erhielt die Historikerin nach ihrer Rückkehr aus der Untersuchungshaft eine anonyme Morddrohung. Der Täter wurde ermittelt und zu 6000 Franken Strafe verurteilt. Die Zahl der Anzeigen im Umkreis des Falles Mörgeli steigt bis heute praktisch monatlich.

          Die Universität, die es mit dem Amtsgeheimnis hält, zitierte ihrerseits in einer Pressemitteilung aus den Ermittlungsakten. Ritzmann, die eine Weitergabe des Berichts durch sie bestreitet, hatte zugegeben, einem Journalisten ihr Passwort für die universitätseigene elektronische Kursplattform mitgeteilt zu haben. Die Universität teilt jetzt mit, an der Entlassung Ritzmanns festzuhalten, aber nicht länger Lohn von ihr zurückfordern noch ihr den Titel aberkennen zu wollen. Die SVP tobt, das geschehe nur aufgrund linken internationalistischen Drucks. Zürich ist nicht Weimar, aber manche hätten es offenbar gern.

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