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Züricher Universitätsskandal : Alma Natter

Er hat den moralischen Nutzen: der SVP-Politiker Christoph Mörgeli (in der Bildmitte; Foto aus dem Jahr 2007)  Bild: AFP

Die Universität Zürich opfert eine unliebsame Gelehrte. Das unsaubere Verfahren nutzt vor allem dem bekannten SVP-Politiker Christoph Mörgeli. Dass die Universität der Staatsanwaltschaft freiwillig Zugriff auf den gesamten E-Mail-Verkehr der Hochschule einräumt, ist ein Skandal.

          Erst wurde sie zusammen mit ihrem Mann in Untersuchungshaft gesteckt, ihre Wohnung wurde durchsucht, und alle Computer sowie Mobiltelefone wurden beschlagnahmt. Jetzt hat ihr die Universität Zürich gekündigt. Die Schweizerin Iris Ritzmann ist Medizingeschichtlerin, ihr Spezialgebiet ist die Geschichte der Kindheit und der Kinderheilkunde. Von Februar 2011 an war sie die stellvertretende Direktorin des Medizinhistorischen Instituts und Museums der Universität Zürich.

          Beide Einrichtungen machten zuvor eine Krise durch. Nachdem der Historiker Flurin Condrau, der in Manchester lehrte, zu ihrem Direktor ernannt worden war, ließ er die Lage des Instituts Anfang 2011 begutachten. Vor allem Museum und Objektsammlung zeigten sich in einem beklagenswerten Zustand: fehlerhaft, veraltet, nicht auf dem Stand der Forschung, seit Jahrzehnten nicht professionell betreut. Nicht einmal die Grundreinigung sei geregelt. Zugleich, hieß es im Akademischen Bericht, seien Institut und Museum voneinander isoliert. „Die Zusammenarbeit wird uns von Kollegen vermutlich aus politischen Gründen verweigert.“

          Das zielte auf Christoph Mörgeli, damals Kurator des Medizinhistorischen Museums und zugleich ein sehr prominentes Mitglied der Schweizerischen Volkspartei: Mitglied des Nationalrats seit 1999, strammer Gegner des Wohlfahrtsstaats, Kämpfer gegen den Sozialismus und für niedrige Steuern in der Schweiz, Anhänger einer restriktiven Einwanderungspolitik. So eine Art  „Tea Party“-Mann mit vertrautem Fernsehgesicht.

          Ungenügende Leistungen und Illoyalität

          Aber nicht darum ging es, sondern um mangelnde wissenschaftliche Leistungen sowie Ausfälle in der Lehre. Zu den Übungen in Museumskunde sei noch nie ein Student gekommen, hieß es im Bericht; Mörgelis Veranstaltung „Erzählte Medizingeschichte“, gaben Kollegen im Züricher „Tagesanzeiger“ zu verstehen, sei nicht viel mehr als ein Plausch mit ehemaligen Ärzten. Schweizer Medizinhistoriker aus Bern und Lausanne gaben zu Protokoll, Mörgeli gar nicht als aktives Mitglied der Fachgemeinschaft wahrzunehmen.

          Mörgeli gab zurück, die Sozialgeschichte der Medizin, der die anderen anhingen, sei eine linksgerichtete Schule, er werde aus politischen Gründen missachtet. Jener Akademische Bericht verzeichnete als seine Publikationen im Jahr 2011 zwei Aufsätze, beide über das Motiv des „Tannewetzels“, also Schlaganfalls, bei Thomas Mann und Horst Janssen, im Jahrbuch der Europäischen Totentanz-Vereinigung. Mörgeli ist deren Vizepräsident. Die SVP-nahe „Weltwoche“, bei der Mörgeli Kolumnist ist, sprang ihm bei und fand ihrerseits Flurin Condraus Publikationsliste zu dünn, der Mann – in England „lecturer“ – sei nicht einmal habilitiert. Die Habilitation gibt es in Großbritannien gar nicht.

          Wie kommt man nun aber von hier zu Untersuchungshaft und Entlassung? Im September 2012 kündigte die Leitung der Universität Zürich ihren umstrittenen Totentanzforscher wegen ungenügender Leistungen und Illoyalität. Er hatte von Mobbing durch den Institutsleiter, Mitarbeiter und die Medien gesprochen. Kurz darauf bewarb er sich, erfolglos, um die Stelle als Rektor der Universität Zürich. Vor vier Wochen, am 1.Oktober 2013, stellte die Universität fest, dass ein beträchtlicher Teil der Dissertationen, die von Mörgeli und seinem damaligen Vorgesetzten betreut worden waren, wissenschaftlichen Standards „nur knapp“ entsprachen und teilweise nur wenig oder gar nicht kommentierte Transkriptionen von Quellen darstellten.

          Ein starkes Stück

          Bevor die Universität jedoch Mörgelis Entlassung betrieb, stellte sie Strafanzeige gegen unbekannt, um herauszufinden, wer jenen Akademischen Bericht mit den ersten ungünstigen Urteilen über Mörgeli an die Presse weitergeleitet hatte. Der Bericht stand wochenlang im Intranet der Universität. Der Staatsanwalt, der sich der Sache annahm, ein Parteifreund Mörgelis, wähnte Iris Ritzmann und ihren Gatten als Verletzer des Amtsgeheimnisses. Ritzmann war bei einem der Gutachter zum Zustand des Medizinmuseums und der Objektsammlungen wissenschaftliche Mitarbeiterin. Bislang fehlt ein Nachweis der Geheimnisweitergabe durch sie.

          Trotzdem wurde ihr jetzt gekündigt. Sie selbst räumt ein, im Kontakt mit dem betreffenden Journalisten des „Tagesanzeigers“ gestanden und falsche Informationen, die er hatte, korrigiert zu haben. Dazu habe sie ihm ein Passwort zur Studentenplattform der Universität weitergegeben: 25.000 Studierende haben ein solches, um ihre Kursunterlagen einsehen zu können. Welche Geheimnisse dadurch berührt sind, ist unerfindlich.

          Dass eine Universität die Unschuldsvermutung für eines ihrer Mitglieder missachtet, das Gegenstand staatsanwaltlicher Ermittlungen wurde, ist ein starkes Stück. Dass sie es gegenüber einer Person tut, die nachweislich den Ruf ihres Instituts in Zeiten aufrechterhalten hat, in denen er durch den gefährdet war, der jetzt zum moralischen Nutznießer dieses Vorgehens wird, ist niederträchtig. Dass die Universität Zürich der Staatsanwaltschaft freiwillig einräumte, den gesamten E-Mail-Verkehr der Hochschule auf Pressekontakte hin abzusuchen, nur weil ein Gutachten, das kurz darauf jeder lesen konnte, weitergegeben wurde, ist geeignet, ihren Ruf als Ort freien Austauschs dauerhaft zu beschädigen.

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