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Wissenschaftspolitik : Exportweltmeister beim akademischen Überschuss

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Exzellenzcluster ähneln Bienenschwärmen durch strenge Hierarchie und hochgradige Arbeitsteilung, kennen aber keine klaren Aufgaben und keine Kooperation Bild: dpa

Exzellenzcluster als Arbeitsmarktdesaster: Für die DFG, den Wissenschaftsrat und die Universitäten kann es gar nicht genug Nachwuchskräfte geben. Aber diese verschwinden zuerst in wolkigen Großprojekten und dann in der Arbeitslosigkeit.

          Annette Schavan erheitert ihre Kritiker immer mehr. Beim Versuch, in der „Süddeutschen Zeitung“ die eigene forschungsministerliche Glaubwürdigkeit inmitten der Guttenberg-Groteske zu retten, verurteilte sie nicht nur „Raubkopien“, womit sie offenbar Plagiate meinte, sondern meinte auch: „Das deutsche Wissenschaftssystem ist so effizient wie kein zweites auf der Welt.“ Unglücklich für diese Behauptung ist, dass es Forschung zur wissenschaftlichen Effizienz von Staaten gibt. Zwischen ihren Ergebnissen und der Aussage der deutschen Forschungsministerin gibt es keine Übereinstimmungen. Deutschland rangiert deutlich hinter den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Kanada und hinter den Kleinstaaten Schweiz, Schweden und Israel. Seine wissenschaftliche Effizienz wird etwa gleich hoch eingestuft wie jene Österreichs und Frankreichs. Nur in Physik und den Ingenieurwissenschaften erreicht Deutschland noch Spitzenwerte.

          In einer Sparte jedoch, das muss man Frau Schavan zugutehalten, besitzt die deutsche Wissenschaft eine weltweit unerreichte Effizienz. Leider wird sie von den einschlägigen Studien nicht gewürdigt. Es handelt sich um die Überschussproduktion von jungen Wissenschaftlern. Sie macht Deutschland beim akademischen Personal zum Exportweltmeister.

          Sklerotische Strukturen

          Wie hat sich das deutsche Wissenschaftssystem diesen Spitzenrang erobert? Hier kommen kulturelle, strukturelle und forschungspolitische Faktoren zusammen. Kulturell profitiert das deutsche Wissenschaftssystem noch immer, wenn auch unterschwellig, von der bildungsbürgerlichen Verehrung für Geistesakrobatik im Allgemeinen und für Forschung im Besonderen. In kaum einem anderen westlichen Land sind das Ansehen der Wissenschaft und das Prestige von Professoren so hoch wie in Deutschland. Das sind hervorragende Voraussetzungen, um viele Studenten von einer wissenschaftlichen Karriere träumen zu lassen.

          Und wohin nach dem Studium? Die Überschussproduktion von jungen Wissenschaftlern hat System

          Die relative Leichtigkeit, mit der das deutsche Wissenschaftssystem junge Leute rekrutieren kann, hat jedoch auch dazu beigetragen, dass an den Universitäten sklerotische Strukturen überleben konnten, die ihrerseits die Produktion überschüssiger Wissenschaftler angetrieben haben. Hauptkennzeichen dieser Strukturen ist die Konzentration der akademischen Macht bei einer kleinen Minderheit unbefristet beschäftigter Forscher: den Professoren. Sie stellen in Deutschland gut zehn Prozent des wissenschaftlichen Personals. Der große Rest der Mitarbeiter, Privatdozenten und Lehrbeauftragten ist befristet angestellt und den Professoren direkt oder indirekt unterstellt.

          Günstlinge bei Hofe

          Die Position der Mitarbeiter an deutschen Universitäten entspricht in vielem jener von Günstlingen an vormodernen Fürstenhöfen. Um sich im akademischen Betrieb zu halten, müssen sie den Ruhm ihres professoralen Patrons durch treue Dienste und wissenschaftliche Taten erhöhen. Ein entscheidender Unterschied zum Fürstenhof besteht jedoch darin, dass Gönner und Günstling im gleichen Feld agieren, womit sie, sobald sich der Günstling einen eigenen Namen gemacht hat, zwangsläufig in ein Konkurrenzverhältnis treten. Das macht das Konfliktpotential ihrer Beziehung größer und den Spielraum des Günstlings kleiner.

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