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Wissenschaftsphilosophie : Forschung über Wahrheiten

Kann man sich so die heutigen Wissenschaftsphilosophen vorstellen? Zumindest der Physiker Freeman Dyson sieht in ihnen einen Haufen Zwerge. Im Bild: Szene aus dem Film „The Hobbit“ Bild: Warner Bros. Pictures

Philosophie der Physik setzt Physik voraus: In Hannover trafen sich die Wissenschaftsphilosophen, um über die Aufgaben und die Leistungsfähigkeit ihrer Disziplin zu diskutieren.

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          Als Wissenschaftsphilosoph sollte man ein dickes Fell haben. Von Seiten des Forschungsobjektes ist schließlich oft alles andere als Gegenliebe zu erwarten. „Wissenschaftsphilosophie ist für die Wissenschaftler ähnlich nützlich wie die Ornithologie für die Vögel“, wird der berühmte Physiker Richard Feynman zitiert. Sein Kollege Stephen Weinberg widmete ein ganzes Kapitel seines Buches „Dreams of a Final Theory“ dem Schlachtruf „Against Philosophy“, in dem er feststellt, dass seit dem Zweiten Weltkrieg Fortschritt innerhalb der Physik durch philosophische Ideen nie befeuert und meist gebremst worden ist. Der theoretische Physiker Freeman Dyson schreckt nicht einmal vor persönlicher Beleidigung zurück. Im Vergleich zu den Riesen der Vergangenheit seien die heutigen Philosophen ein jämmerlicher Haufen Zwerge.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dabei hat die Wissenschaftsphilosophie sich in den vergangenen fünfzig Jahren redlich bemüht, auf die Wissenschaftler zuzugehen. Um 1930 sah die Philosophie ihre Aufgabe noch in einer von den empirischen Wissenschaften unabhängigen, logischen Analyse von Wissenschaftssprachen. Behandelt wurde die Wissenschaft als eine Unternehmung, deren Kriterien und Begriffe allgemein gültig herauszuarbeiten sind. Es wurde weniger gefragt, wie Wissenschaft faktisch funktioniert, sondern vielmehr, wie sie idealerweise funktionieren sollte.

          In der Rechterfertigungsfalle

          Das dahinter stehende Bild einer überzeitlichen, prinzipiell einheitlichen Wissenschaft, repräsentiert in der Physik als Leitwissenschaft, wurde in den 60er Jahren grundlegend erschüttert. Seit Thomas S. Kuhn den Blick auf die historische Entwicklung von Wissenschaft mit all ihren Brüchen und soziologischen Abhängigkeiten lenkte, hat sich die Wissenschaftsphilosophie sehr viel stärker den faktisch existierenden Wissenschaften zugewendet.

          Die Wissenschaftsphilosophie, wie sie heute betrieben wird, setzt sich aus einer Vielzahl weitgehend unabhängiger Teildisziplinen zusammen. Fragen der Metaphysik und allgemeine wissenschaftstheoretische Fragestellungen werden genauso behandelt wie sehr konkrete Probleme der Fachwissenschaften, beispielsweise der Biologie, Chemie oder Physik. Letztere Diskussionen werden dabei mitunter auf einem fachlich so hohen Niveau geführt, dass für Außenstehende die Wissenschaftsphilosophie manchmal kaum noch von fachwissenschaftlicher Reflexion zu unterscheiden ist.

          Ein Wegbereiter der Wissenschaftsphilosophie? Immanuel Kant

          Wenn beispielsweise in der Philosophie der Physik die Details des Higgs-Mechanismus oder der Quantengravitation analysiert werden, demonstriert sie damit zwar eine große Wissenschaftsnähe, gleichzeitig tut sich aber ein neues Rechtfertigungsproblem auf, diesmal in Richtung der traditionellen Philosophie. „Es gibt Traditionalisten in der Philosophie, die dieses Wissenschaftsnahe der Wissenschaftsphilosophie als etwas Philosophie-Fremdes empfinden“, beschreibt Holger Lyre von der Universität Magdeburg, „gleichzeitig wird aber beispielsweise ein Physiker, egal, wie technisch eine wissenschaftstheoretische Arbeit ist, sehen, dass es auch nicht Physik ist. Also sitzt man buchstäblich zwischen den Stühlen.“

          Wozu brauchen wir Wissenschaftsphilosophie?

          Holger Lyre ist Vorsitzender der 2011 gegründeten Gesellschaft für Wissenschaftsphilosophie (GWP). Ziel des Vereins ist es, die in Deutschland stark verstreute Community zu vernetzen und nach außen zu vertreten. An der Leibniz Universität Hannover fand vergangene Woche die erste internationale Gesellschaftstagung unter dem Titel „How Much Philosophy in the Philosophy of Science?“ statt. Der provokante Tagungstitel wurde von den meisten der rund achtzig Vortragenden als Anregung zur kritischen Selbstreflexion aufgenommen. Wo kann die Wissenschaftsphilosophie angesiedelt werden im Spannungsfeld zwischen traditioneller Philosophie und den Fachwissenschaften? Wer ist das Publikum ihrer Analysen? Oder ganz allgemein: Wozu brauchen wir Wissenschaftsphilosophie?

          Sofern man sie klar im Rahmen der Philosophie ansiedelt, kann man diese Fragen im Rückgriff auf die Mutterdisziplin zu beantworten versuchen. Paul Hoyningen-Huene (Hannover) sieht beispielsweise die Wissenschaftsphilosophie als den einzigen Ort innerhalb der Philosophie, an dem heute die erkenntnistheoretische Tradition von Descartes bis Kant ihre Fortsetzung findet. Genau wie die klassischen Erkenntnistheoretiker sich am Wissensstand der damaligen Wissenschaften orientiert haben, kommen wir nicht umhin, die disziplinäre Erkenntnis heutiger Tage zu reflektieren. Auch Gregor Schiemann (Wuppertal) verortet die Wissenschaftsphilosophie in der allgemeinen Unternehmung eines philosophischen Fragens, das im Kern auf einer zusammenfassenden, vereinheitlichenden Perspektive beruht.

          Philosophie ist Orientierung

          Erschwert wird das Einnehmen dieser Perspektive in der Wissenschaftsphilosophie aber durch die zunehmende Spezialisierung der Fachwissenschaften, die wiederum eine immer stärkere Spezialisierung der Philosophen nach sich zieht, sofern diese sich auf der Höhe der fachwissenschaftlichen Diskussionen bewegen wollen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Einheit der Wissenschaften für die wissenschaftliche Praxis gar keine Relevanz hat. „Man kann schon sagen, dass die Philosophie ein Problem hat, wenn ihre genuine Thematik, nämlich das ganz Große, dort in den Wissenschaften keinen Platz hat“, so Schiemann.

          Ein typisches Higgs-Ereignis bei der frontalen Kollision von Protonen.

          Welche verschiedenen Rollen die Philosophie im Verhältnis zur Wissenschaft dennoch einzunehmen vermag, arbeitete Peter Godfrey-Smith von der City University of New York im Eröffnungsvortrag der Tagung heraus. Mit Bezug auf Wilfrid Sellars betonte auch er den Orientierung schaffenden Charakter der Philosophie. Eine solche synoptische Rolle kann eingenommen werden, wenn die Philosophie in engem Kontakt mit anderen akademischen Feldern steht, ohne aber in ihnen aufzugehen und die eigene philosophiespezifische Perspektive aufzugeben.

          Eine weitere Rolle kann darin bestehen, als Brutkasten für spekulative, allgemeine Ideen zu fungieren, die daraufhin in den Wissenschaften ihre konkrete empirische oder mathematische Ausgestaltung finden können. Eine aufklärerische Rolle kann die Philosophie drittens spielen, indem sie die Fähigkeit zur Klarheit, zur Analyse sowie zum abstrakten und kritischen Denken vermittelt. Die Realisierung dieser Rollen zeigte Godfrey-Smith in Auseinandersetzung mit Arbeiten zur Information und Kommunikation in der Biologie.

          Die Philosophie als Augenarzt

          Margaret Morrison von der Universität Toronto schlug dagegen vor, nach der Rolle der Wissenschaft innerhalb der Wissenschaftsphilosophie zu fragen. Auf der einen Seite können wissenschaftliche Fallbeispiele dazu benutzt werden, philosophische Positionen zu stützen und damit zu legitimieren, wie über die Welt gedacht werden soll. Morrison sieht im Gegensatz dazu aber die interessantesten philosophischen Fragen aus den Wissenschaften selbst entspringend.

          Die Rolle der Philosophen kann dabei nur so weit normativ sein, als dass sie zu kritischer erkenntnistheoretischer Reflexion beitragen. „Die normative Rolle kann nicht sein, den Wissenschaftlern zu sagen: so solltet ihr arbeiten, denn das wäre anmaßend. Vielmehr ist interessant, die Forscher dazu zu bringen, darüber zu reflektieren, was sie tun.“ Philosophen können dabei helfen, Betriebsblindheiten der wissenschaftlichen Praxis aufzudecken, genau wie andersherum Wissenschaftler naive Sichtweisen der Philosophen entkräften können. Morrisons eigene Forschung zu wissenschaftlicher Modellbildung und Simulationen und deren Anwendung auf Probleme der Physik kondensierter Materie und der Teilchenphysik können als Beispiele einer solchen an Wissenschaftler adressierten Philosophie gesehen werden.

          Eine derart wechselseitig befruchtende Kooperation zwischen Philosophen und Wissenschaftlern beruht natürlich zentral auf dem tatsächlichen Kontakt beider Gruppen. Obwohl es in Deutschland durchaus interdisziplinäre Forschungsprojekte gibt, scheint es insbesondere in der universitären Ausbildung des naturwissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland interdisziplinären Nachholbedarf zu geben. Peter Godfrey-Smith kontrastiert die frühe Spezialisierung im deutschen System mit der Einstellung an US-Eliteuniversitäten: „Eine Universität wie Harvard geht davon aus, dass Studenten spezialisiertes Wissen auch noch später erwerben können.

          Ich denke, die Studenten zu früh zu stark einzuschränken ist schlicht antiintellektuell.“ Aus Holger Lyres Sicht kann die Philosophie auch helfen, die Fachwissenschaften für den Nachwuchs attraktiver zu machen: „Warum hat man denn angefangen, Physik zu studieren? Doch nicht, weil man nachher Spezialist für Hochtemperatur-Supraleiter werden wollte, sondern man war ganz naiv, ganz gipfelstürmerisch. Man wollte wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Das Kerninteresse des angehenden Wissenschaftlers wäre demgemäß ein philosophisches und die Zusammenführung der wissenschaftlichen mit der philosophischen Disziplin, bei allen bestehenden Vorurteilen und Schwierigkeiten, ein äußerst natürliches und relevantes Unterfangen.

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