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Wissenschaftsblog : Mit der Brause in den Abgrund

  • -Aktualisiert am

2006 gründete Adam Bly „Scienceblogs”, ein offenes Netzwerk mit Internetpublikationen von Journalisten und engagierten Wissenschaftlern. Bild: Snapshot

In vier Jahren harter Arbeit gelang es „Scienceblogs“ in Amerika, den wissenschaftlichen Diskurs ins Netz zu bringen. In nur vier Tagen gelang es dem Management, mit einem bezahlten Blog von Pepsi das Vertrauen zu verspielen.

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          Mit nur 29 Jahren hat der Kanadier Adam Bly eine eindrucksvolle Karriere vorzuweisen: Er hat einen Verlag gegründet, hat mit „Seed“ ein neues Wissenschaftsmagazin etabliert, war 2007 als „Young Global Leader“ beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos und gilt als Wunderkind der Branche, weil er frischen Wind in den Wissenschaftsjournalismus brachte. 2006 gründete Bly „Scienceblogs“, ein offenes Netzwerk mit Internetpublikationen von Journalisten und engagierten Wissenschaftlern. Damit wurden dem langsamen und Spezialisten vorbehaltenen Publikationsbetrieb der Forschung schnelle und allen zugängliche Spezialseiten im Netz entgegengesetzt.

          Zuerst kritisch beäugt, verpflichtete Scienceblogs anerkannte Fachleute in den Vereinigten Staaten und etablierte eine neue Medienmarke im Internet. 2008 beteiligte sich Hubert Burda Media mit einem einstelligen Millionenbetrag an Scienceblogs und betreut seither den deutschen Ableger. Vor wenigen Wochen verkündete Bly stolz die Verdoppelung der Besucherzahlen in einem Jahr und neue Blogs in Kooperation mit wissenschaftlichen Institutionen wie dem Cern und dem Seti-Institute.

          Was er nicht verkündete, war die Kooperation von Scienceblogs mit Pepsi Co. Der Nahrungsmittelkonzern steht in Amerika wegen seiner ungesunden Produkte unter Druck und versucht mit Millionenaufwand, seine öffentliche Erscheinung bei Politik und Gesellschaft zu verbessern. Bei den Scienceblogs wollte Pepsi ein schon existierendes PR-Blog namens „Food Frontier“, in dem seine Wissenschaftler mit genehmen Forschungsergebnissen aufwarten, gegen Bezahlung und mit schwacher Kennzeichnung als redaktionellen Inhalt unterbringen. Mit dem Beschluss, dieses Geschäft aus dem Graubereich zwischen PR, Werbung und Wissenschaft zuzulassen, hat Bly seine Karriere als Wunderkind zum vorläufigen und wenig ruhmreichen Abschluss gebracht.

          Es regte sich heftiger Widerstand

          Die Autoren proben den Aufstand. Denn die Autoren von Scienceblogs hatte niemand dazu konsultiert. Sie erfuhren von der Entscheidung erst, als Pepsis Kanal freigeschaltet wurde. Unmittelbar danach regte sich heftiger Widerstand. Im Gegensatz zu klassischen Publikationen kann bei Scienceblogs jeder Autor ohne redaktionelle Kontrolle schreiben, was ihm wichtig erscheint, und nach nur einem Tag tobte im ganzen, ansonsten eher dezenten und nachdenklichen System ein Sturm der Entrüstung. Etwa ein Drittel der rund siebzig amerikanischen Autoren verkündet, dass sie ihre Arbeit bei Scienceblogs aus Protest ruhenließen oder die Plattform gleich ganz verließen. Die Blogger fühlten sich vom Management der Firma hintergangen und betrogen: Ein „spektakuläres Managementversagen in der Durchführung und Verständnis der Reaktionen der schreibenden Gemeinschaft“ nennt es der Insektenforscher Alex Wild. Es beschädige die Glaubwürdigkeit der Autoren, die Jahre investiert hätten, um aus dem Projekt etwas Besonderes zu machen, beschwert sich die Evolutionsbiologin „Grrlscientist“. Der Archäologe Martin Rundkvist gibt seine Einschätzung der finanziellen Situation bei der Seed Media Group ab, die nichts zu ihren Einnahmen verraten will: Scienceblogs habe sich möglicherweise auf das Geschäft eingelassen, weil das Projekt eine „Cash Cow“ sei, die ihr Besitzer aber nicht ernähren könne.

          Seed Media und Adam Bly haben oft genug betont, sie beeinflussten ihre Autoren nicht. Im Ergebnis findet bei ihnen eine ungehemmte Schlammschlacht statt, die bei anderen Medien vermutlich sofort zur Schließung der Blogs und Kündigung der Autoren geführt hätte. Nachdem aber die Reputation des Projekts von ebenjenen Autoren aufgebaut wurde, die nun, um ihren Ruf und die Unabhängigkeit des Projekts besorgt, das Thema publik gemacht haben, zeigt sich das Problem dieses neuen und anderen Journalismus für Verleger. Die Machtpositionen haben sich deutlich verschoben, die Loyalität existiert mehr zwischen Lesern und Autoren denn zwischen Autoren und den „Verlegern“. Andere Druckmittel fallen ebenso weg: Die Bezahlung bei Scienceblogs beruht auf einer Beteiligung an den Werbebannerverkäufen. Angesichts der Werbekrise ist diese Entlohnung so schlecht, dass keiner der Beteiligten allein aus finanziellen Gründen dort publiziert. Die anderen Faktoren, die ein Engagement für Forscher sinnvoll machen – Aufmerksamkeit, Leser, Reputation und Glaubwürdigkeit –, sind dagegen bedroht, wenn Blogs verkauft werden und die Leistungsträger sich abwenden und an anderen Orten weiterschreiben.

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