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„Wissenschaftsbetrug“ als Straftat : Mangel an Originalität ist kein Verbrechen

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Der Hochschulverband wollte durch seinen Vorstoß vor allem die „Promotionsberater“ kriminalisieren, also jene Branche, die das Einreichen fremder Texte zum Geschäftsmodell erhoben hat. Doch der Gesetzesvorschlag weist technische Mängel auf, und er ist rechtsstaatlich bedenklich, weil er die Kernfrage schwammig formuliert. Wann genau entfällt bei einem fremdgeschriebenen Text die Urheberschaft? Und wie geht man mit verschiedenen Fächerkulturen um, wo doch in manchen gerade die möglichst originale Reproduktion als höchstes Gut in Prüfungen gewürdigt wird. Anders gesagt: Der oft zugrunde gelegte akademische Originalitätsbegriff ist zu neu und zu wenig über alle Fächer hinweg universalisierbar, um Übertretern immer einen strafrechtlichen Strick daraus drehen zu dürfen.

Die Akteure selbst sträuben sich gegen Standards

Sowohl Kudlich als auch Goeckenjan greifen die zentrale Idee der Kriminalisierung über das Rechtsgut an. Wer oder was soll hier eigentlich mit dem scharfen Schwert des Strafrechts geschützt werden? Offenbar ist es kein Individualrechtsgut wie Leben oder Gesundheit, sondern eher eine gesellschaftliche Bestandsbedingung, nämlich das „Vertrauen in die Integrität der Wissenschaft“ und die „Zuverlässigkeit ihrer Abschlüsse“. Das mag (noch) legitim sein, zu den Kernaufgaben des Strafrechts muss es aber nicht gehören, und zwar erst recht nicht dann, wenn wirksamer Rechtsgüterschutz auch anders erreicht werden kann. „Unredlichkeit“ oder „Anstand“ ist zunächst eine moralische Kategorie. Wer mit Macht darauf hinwirkt, hier das Recht in Stellung zu bringen, misstraut demnach implizit auch anderen Normativsystemen oder negiert ihre Autonomie.

Dass die Wissenschaft in ihren bisherigen Institutionen und Verfahren nicht immer effektiv Prävention betrieb und Sanktionen aussprach, enthebt sie demnach nicht von der Pflicht dazu. Gerade wenn man dem Gesetzesvorschlag das Etikett „Vorerst gescheitert“ anheftet (so lautete seinerzeit der Titel der Guttenberg’schen Selbstreflexionen), ist diese besonders gefordert. Umso mehr verwundert es dann, wie sich die Akteure teilweise immer noch sträuben, kritisch über Standards und ihre Implementation nachzudenken oder Sanktionsmöglichkeiten in formalisierten Verfahren auszuschöpfen.

Dass manche Fakultäten gar den Whistleblowern zürnen statt ihren Kollegen, die elementare Standards mit Füßen getreten haben, scheint ein besonders unerfreulicher Aspekt. Auch hier ist die Parallele zwischen Sport und Wissenschaft bisweilen verblüffend. Einen Lance Armstrong der Fußnoten hat „Twitter“ aber noch nicht erlebt. Sein legendärer Post, der Armstrong in entspannter Haltung vor den gelben Trikots zeigte, war eine kontrafaktische Visualisierung von Meriten, die er da schon nicht mehr für sich in Anspruch nehmen durfte. Solche Selbstinszenierungen würden freilich in der Wissenschaft als Anstandsverstöße eigenen Typs sanktioniert. Hoffentlich jedenfalls.

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