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Bürgernahe Wissenschaft : Die Freiheit der Forschung

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Wissenschaft als Dienst an der Gesellschaft: Joseph Wright of Derbys „The Orrery“ (1763-1765) Bild: (c) The Gallery Collection/Corbi

Die Politik will die Wissenschaften stärker auf gesellschaftliche Ziele verpflichten. Wer darunter klare politische Vorgaben versteht, ist blind für den Gang der Erkenntnis.

          7 Min.

          Unsere Gesellschaft steht vor großen Herausforderungen: weltweite kriegerische Konflikte, globale Finanzkrisen, Migration, demographischer Wandel, Klimawandel. Probleme, die ohne wissenschaftliche Forschung und Reflexion nicht zu bewältigen sind. Die Größe dieser Herausforderungen lässt Forderungen nach einer Neubestimmung des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik laut werden. Staatlich finanzierte Wissenschaftler sollen ihre Forschung darauf ausrichten, zur Bewältigung der Probleme beizutragen. Nur so könne die Wissenschaft ihrer Verantwortung gerecht werden.

          Uwe Schneidewind vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie hat sich in diesem Sinne für eine „transformative Wissenschaft“ ausgesprochen. Die weltverändernde Kraft der Wissenschaft ist offensichtlich. Eine wahrhaft transformative Wissenschaft soll nach Schneidewind jedoch nicht lediglich gesellschaftsverändernde Konzepte hervorbringen. Sie soll auch gesellschaftlichen Zielen in ihren Forschungen Rechnung tragen. Eben dazu ist nach Schneidewind das bestehende Wissenschaftssystem ungeeignet. Als von der Gesellschaft losgelöstes Teilsystem sei es durch eine zu enge Forschungsorientierung in seiner „Eigenlogik“ erstarrt und ignoriere die Wirkungen dieser Forschung auf andere Teilsysteme. Schneidewind plädiert für eine „Bürgeruniversität“, die der Politik mehr Möglichkeiten der Steuerung bieten und die Wissenschaft zwingen soll, bei der Festlegung ihrer Gegenstände auf gesellschaftliche Bedürfnisse einzugehen.

          Schneidewinds Plädoyer findet in Wissenschaftsministerien aufmerksame Zuhörer. In der Wissenschaft selbst stößt es auf Widerstand. DFG-Präsident Peter Strohschneider setzt Schneidewinds auf die Lösung (vermeintlich) vorgegebener gesellschaftlicher Probleme ausgerichtetem „Solutionismus“ ein reflexives Wissenschaftsverständnis entgegen. Innovative Forschung löse nicht lediglich schon bekannte Probleme, sondern generiere auch neuartige Fragestellungen, deren gesellschaftliche Relevanz nur selten vorab beurteilt werden kann. Wissenschaftlicher Fortschritt dürfe nicht durch vordefinierte Ziele begrenzt werden. Andere geben zu bedenken, dass Durchbrüche gerade eigensinnigen Denkern zu verdanken seien. Und hat die Wissenschaft nicht schon immer transformative Wirkungen entfaltet, nicht nur in den Natur- und Technikwissenschaften, sondern auch in Theologie und Philosophie? Man denke an die Reformation oder die Idee der sozialen Gerechtigkeit.

          Legitime gesellschaftliche Erwartungen

          Wissenschaftsfreiheit, verstanden als individuelle Freiheit der Forscher, und Hochschulautonomie als institutionelle Voraussetzung dieser Freiheit (Horst Dreier, Würzburg), ist keine bloße Stütze von Elfenbeintürmen, sondern wesentliche Voraussetzung erfolgreicher Wissenschaft. Damit stellt sich die Frage, wie die Instrumentalisierung der Wissenschaft mit der Idee ihrer Freiheit zu vereinbaren ist.

          Wissenschaftsfreiheit ist ein wesentliches Merkmal freiheitlich demokratischer Gesellschaften. Im Grundrechtsteil des Grundgesetzes heißt es in Artikel 5, Absatz 3, lapidar: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Artikel 5 begründet jedoch keinen politikfreien Raum uneingeschränkt autonomer Wissenschaft. Es gäbe keine moderne Wissenschaft ohne staatliche Finanzierung. Wissenschaft braucht Hörsäle, Seminarräume und Labore; nicht zuletzt müssen Gehälter an Wissenschaftler gezahlt werden, mit denen diese für Forschung und Lehre freigekauft werden. Welchen Grund gäbe es für die Mitglieder einer Gesellschaft, durch ihre Steuern wissenschaftliche Einrichtungen zu finanzieren, wenn diese nicht etwas hervorbrächten, das für alle von Nutzen ist?

          Wir mögen, von den großen Philosophen der Antike inspiriert, Wissenschaft und zweckfreie Erkenntnis für an sich wertvoll halten. In einer pluralistischen Gesellschaft kann die Autonomie einer staatlich finanzierten Wissenschaft jedoch nicht im Rekurs auf eine autonome Wertsphäre der Erkenntnis legitimiert werden; denn darüber, ob es eine solche Sphäre tatsächlich gibt, bestehen begründete Meinungsverschiedenheiten. Ihre Berechtigung muss sich aus ihrem Nutzen für andere Ziele ergeben, zum Beispiel der Gerechtigkeit oder dem menschlichen Wohlergehen. Die Wissenschaft kann sich der Relevanzforderung nicht entziehen, ohne ihre eigene Legitimität in einer pluralistischen Demokratie in Frage zu stellen - mit der scheinbar dramatischen Konsequenz ihrer vollständigen politischen Vereinnahmung.

          Wie passt dies zum grundrechtlichen Status der Wissenschaftsfreiheit? Artikel 5, Absatz 3 sagt ja nicht „Forschung und Lehre sind frei, insofern sie legitimen gesellschaftlichen Interessen dienen“, sondern schlicht und kategorisch „Forschung und Lehre sind frei“.

          Wissenschaftsfreiheit als Koordinationsprinzip der Erkenntnis

          Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus der funktionalen Rolle der Wissenschaftsfreiheit als Koordinationsprinzip wissenschaftlicher Kooperation. Das Problem liegt weniger in der Instrumentalisierung der Wissenschaften für die Gesellschaft. Es liegt vielmehr in einem mangelnden Verständnis der Ziele und der Steuerung kollektiver wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse.

          Es ist zunächst hilfreich, zwei Formen sozialer Koordination auseinanderzuhalten, die sich durch ihre Funktionsweise grundlegend unterscheiden, auch wenn sie in der Praxis stets eng verflochten sind. Der bedeutende Ökonom und Theoretiker des Liberalismus Friedrich August von Hayek hat sie als „Organisation“ und „spontane Ordnung“ bezeichnet.

          Organisationen dienen einem vorgegebenen Zweck, zum Beispiel der Krankenversorgung. Je konkreter das Ziel einer Organisation formuliert werden kann, desto besser. Denn die Teile einer Organisation müssen so aufeinander abgestimmt werden, dass ihr jeweiliges Ziel durch das arbeitsteilige Zusammenspiel aller Beteiligten möglichst umfassend erreicht wird. Dies geschieht durch Hierarchien: Übergeordnete Instanzen wirken durch Verordnungen und Kontrollmaßnahmen darauf hin, dass untergeordnete Instanzen ihr Handeln an demselben Organisationszweck ausrichten. Organisation als Prinzip sozialer Koordination setzt einen hohen Grad an Einverständnis über das gemeinsame Ziel voraus und Kenntnisse darüber, was nötig ist, um dieses Ziel durch Kooperation zu erreichen. Je weniger Einigkeit über das gemeinsame Ziel besteht und je weniger darüber bekannt ist, was man gemeinsam tun muss, um es zu erreichen, desto schlechter funktionieren solche Organisationen.

          Die Logik spontaner Ordnungen

          Spontane Ordnungen bestehen demgegenüber nicht darin, dass alle Beteiligten dasselbe Ziel verfolgen. Sie beruhen vielmehr auf allgemeinen Regeln individuellen Handelns, die kein gemeinsames Ziel vorgeben, sondern lediglich der Verfolgung individueller Ziele wechselseitig anzuerkennende Grenzen setzen. So schreiben die Regeln des Straßenverkehrs den Verkehrsteilnehmern kein Reiseziel vor. Ihre Koordinationsfunktion liegt lediglich darin, durch geeignete Gebote Bedingungen zu schaffen, unter denen alle ihre Ziele reibungslos erreichen können.

          Auch Marktwirtschaften sind ein Beispiel für spontane Ordnungen. Die für sie charakteristischen Regeln sind Eigentumsrechte, die eine Freiheit - sein Eigentum nach Gutdünken für eigene Ziele und Zwecke zu nutzen - mit einem Verbot - das Eigentum anderer nicht ohne deren Zustimmung zu gebrauchen - verbinden. Anders als die Regeln einer Organisation koordinieren Eigentumsregeln individuelle Handlungen nicht dadurch, dass sie alle Beteiligten auf ein gemeinsames Ziel festlegen. Ihre Pointe liegt vielmehr darin, allen zu ermöglichen, erfolgreich persönliche Ziele zu verfolgen, ohne sie darauf zu verpflichten, zugleich zur Verwirklichung der Ziele aller beizutragen.

          Dessen ungeachtet lehren die Wirtschaftswissenschaften und die historische Erfahrung, dass marktwirtschaftliche spontane Ordnungen zu einem höheren gesamtgesellschaftlichen Wohlstand führen als Planwirtschaften.

          Eigenheiten des wissenschaftlichen Erkenntniswegs

          Mit Blick auf die Wissenschaften ist die Unterscheidung von Organisation und spontaner Ordnung von großer Wichtigkeit. Natürlich setzt erfolgreiche Wissenschaft Organisation und Organisationen im ganz üblichen Sinne voraus. Entscheidend ist aber, dass der Prozess des wissenschaftlichen Erkennens selbst nicht als ein im üblichen Sinne auf ein Gemeinschaftsziel gerichteter organisierter Prozess verstanden werden darf. Das vermeintlich gemeinsame Ziel der Erkenntnis ist viel zu allgemein, um eine Grundlage vernünftiger Planungen zu bieten: Nicht nur streben Wissenschaftler nach verschiedenen Erkenntnissen. Sobald wir die stets zu engen Grenzen des Vertrauten verlassen, ist umstritten, was als sichere Erkenntnis gelten darf.

          Allerdings passt auch der Vergleich wissenschaftlicher Forschung mit der spontanen Ordnung des Straßenverkehrs oder der Marktwirtschaft nur zum Teil. Wir wären nicht zufrieden mit einem Wissenschaftssystem, in dem die Forscher ausschließlich persönliche Ziele verfolgten, selbst wenn sie darin überwiegend erfolgreich wären. Wissenschaft ist ein kooperatives kollektives Unternehmen, dessen Ziel ein systematischer gemeinsamer Erkenntnisgewinn ist, auch wenn vorab nicht zu sehen ist, welche Form dieser Gewinn annehmen wird.

          Der Wissenschaftsphilosoph Michael Polanyi vergleicht wissenschaftliche Kooperation mit dem Zusammenlegen eines großen Puzzles durch verschiedene Personen. Es ist nicht ohne weiteres zu sehen, welche Teile wie zusammengehören; und wenn niemand sagen kann, welches Bild das Puzzle ergeben wird, wäre es unsinnig, das Handeln der Puzzlespieler durch konkrete Anweisungen eines Spielleiters zu koordinieren. Ausschließlich mit Hilfe allgemeiner Regeln der Zusammenarbeit wird man allerdings auch nicht viel erreichen. Es geht ja nicht darum, dass jeder Mitspieler möglichst ungestört seine eigene Version des Ganzen bildet, sondern darum, das für alle gleiche Bild zusammenzulegen. In dieser Situation erscheint es am vernünftigsten, jedem Spieler die Freiheit zu lassen, die Zusammengehörigkeit der Teile zu erproben. Gleichzeitig muss jeder Spieler jedoch im Blick behalten, welche Teile die anderen vor sich haben und welche Fortschritte sie beim Zusammenlegen machen. Denn jeder benötigt für seinen Ausschnitt des gesamten Bildes wahrscheinlich Teile, die bei anderen liegen, und vor jedem können Teile liegen, die in seinen Ausschnitt nicht passen, die aber andernorts benötigt werden.

          Große Herausforderungen

          Natürlich müssen die Puzzlespieler sich organisieren und Regeln geben. Entscheidend ist jedoch die Freiheit der einzelnen Spieler, mit den Puzzleteilen das zu tun, was sie für richtig halten.

          Die tatsächliche Komplexität des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses lässt auch den Puzzlevergleich immer noch schlicht erscheinen. Erstens gibt es keine Garantie, dass sich alle Erkenntnisse wie die Teile eines Puzzles zu einem einheitlichen Bild zusammenfügen. Womöglich bleibt wissenschaftliche Erkenntnis als Ganzes ein Flickenteppich von Theorien, die in ihrem jeweiligen Bereich Gültigkeit haben, aber mit den Theorien in anderen Bereichen allenfalls lose verbunden sind. Zweitens gibt es auch keine Garantie, dass sich alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zu einem einzigen Bild zusammenfügen lassen. Vielleicht gibt es viele wissenschaftlich begründete Bilder der Wirklichkeit.

          Die unaufhebbare Offenheit des Erkenntnisprozesses verleiht der Freiheit der Forschung umso größere Bedeutung. Es muss den Wissenschaftlern freigestellt bleiben, welche Ansätze sie verfolgen. Und es ist die Aufgabe der Politik, ebendiese Freiheit abzusichern.

          Dies schließt die politische Vorgabe „großer gesellschaftlicher Herausforderungen“ nicht aus. Es schließt aber aus, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Herausforderungen im Detail zu steuern, etwa, wie Schneidewind vorschlägt, durch die Integration partizipativ-demokratischer Entscheidungsprozeduren in den Erkenntnisprozess. Politische Steuerung setzt voraus, dass wir wissen, was genau wir erreichen wollen und wie wir es erreichen können. Dieses Wissen fehlt jedoch bei den großen gesellschaftlichen Herausforderungen.

          Wissenschaftsfreiheit und Hochschulautonomie sind deshalb keine Hindernisse bei der Bewältigung großer Herausforderungen. Vielmehr sind sie als Koordinationsprinzipien der spontanen Ordnung eines kollektiven Erkenntnisprozesses notwendige Voraussetzungen für die Bewältigung dieser Herausforderungen.

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