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Bürgernahe Wissenschaft : Die Freiheit der Forschung

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Der Wissenschaftsphilosoph Michael Polanyi vergleicht wissenschaftliche Kooperation mit dem Zusammenlegen eines großen Puzzles durch verschiedene Personen. Es ist nicht ohne weiteres zu sehen, welche Teile wie zusammengehören; und wenn niemand sagen kann, welches Bild das Puzzle ergeben wird, wäre es unsinnig, das Handeln der Puzzlespieler durch konkrete Anweisungen eines Spielleiters zu koordinieren. Ausschließlich mit Hilfe allgemeiner Regeln der Zusammenarbeit wird man allerdings auch nicht viel erreichen. Es geht ja nicht darum, dass jeder Mitspieler möglichst ungestört seine eigene Version des Ganzen bildet, sondern darum, das für alle gleiche Bild zusammenzulegen. In dieser Situation erscheint es am vernünftigsten, jedem Spieler die Freiheit zu lassen, die Zusammengehörigkeit der Teile zu erproben. Gleichzeitig muss jeder Spieler jedoch im Blick behalten, welche Teile die anderen vor sich haben und welche Fortschritte sie beim Zusammenlegen machen. Denn jeder benötigt für seinen Ausschnitt des gesamten Bildes wahrscheinlich Teile, die bei anderen liegen, und vor jedem können Teile liegen, die in seinen Ausschnitt nicht passen, die aber andernorts benötigt werden.

Große Herausforderungen

Natürlich müssen die Puzzlespieler sich organisieren und Regeln geben. Entscheidend ist jedoch die Freiheit der einzelnen Spieler, mit den Puzzleteilen das zu tun, was sie für richtig halten.

Die tatsächliche Komplexität des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses lässt auch den Puzzlevergleich immer noch schlicht erscheinen. Erstens gibt es keine Garantie, dass sich alle Erkenntnisse wie die Teile eines Puzzles zu einem einheitlichen Bild zusammenfügen. Womöglich bleibt wissenschaftliche Erkenntnis als Ganzes ein Flickenteppich von Theorien, die in ihrem jeweiligen Bereich Gültigkeit haben, aber mit den Theorien in anderen Bereichen allenfalls lose verbunden sind. Zweitens gibt es auch keine Garantie, dass sich alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zu einem einzigen Bild zusammenfügen lassen. Vielleicht gibt es viele wissenschaftlich begründete Bilder der Wirklichkeit.

Die unaufhebbare Offenheit des Erkenntnisprozesses verleiht der Freiheit der Forschung umso größere Bedeutung. Es muss den Wissenschaftlern freigestellt bleiben, welche Ansätze sie verfolgen. Und es ist die Aufgabe der Politik, ebendiese Freiheit abzusichern.

Dies schließt die politische Vorgabe „großer gesellschaftlicher Herausforderungen“ nicht aus. Es schließt aber aus, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Herausforderungen im Detail zu steuern, etwa, wie Schneidewind vorschlägt, durch die Integration partizipativ-demokratischer Entscheidungsprozeduren in den Erkenntnisprozess. Politische Steuerung setzt voraus, dass wir wissen, was genau wir erreichen wollen und wie wir es erreichen können. Dieses Wissen fehlt jedoch bei den großen gesellschaftlichen Herausforderungen.

Wissenschaftsfreiheit und Hochschulautonomie sind deshalb keine Hindernisse bei der Bewältigung großer Herausforderungen. Vielmehr sind sie als Koordinationsprinzipien der spontanen Ordnung eines kollektiven Erkenntnisprozesses notwendige Voraussetzungen für die Bewältigung dieser Herausforderungen.

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