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Lage der Politikwissenschaft : Wird die Jugend immer schlimmer?

Geht die Politikwissenschaft auf Distanz zu ihrem Forschungsobjekt? Bild: Barbara Klemm

Frank Decker und Eckhard Jesse halten den jungen Politologen ihre Gedankenblässe vor. Doch es sind die Kriterien der älteren Generation, die sie zur Anpassung zwingen. Eine Replik.

          4 Min.

          Ist die deutsche Politikwissenschaft noch zu retten? In ihrem jüngsten Beitrag für diese Zeitung  beklagen die Professoren Frank Decker und Eckhard Jesse die Entwicklung der Disziplin zu einem „Fach ohne Ausstrahlung“, das in der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen werde. War es denn je anders? Immerhin geht es lediglich um die Wissenschaft von der Politik und nicht um Politik selbst. Doch folgt man den Autoren, die sich selbst zur „älteren Generation“ zählen, war früher alles besser: In den guten alten Zeiten gab es noch wahrhaft kluge Politologenköpfe, die etwas zu sagen hatten und das Fach mit „bedeutenden Beiträgen“ bereicherten. Politikwissenschaft wurde noch richtig, nämlich als eine „Königswissenschaft“ verstanden und von so wichtigen Männern wie Theodor Eschenburg vorangetrieben.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Dass Jesse und Decker sich für ihr eigenes Fachverständnis ausgerechnet auf Eschenburg berufen, um sogleich das Klagelied vom angeblichen Verfallsprozess der politikwissenschaftlichen Gegenwart zu singen, ist bemerkenswert. Sie übergehen damit nicht nur die historischen Erkenntnisse, die über Eschenburgs Verstrickungen im nationalsozialistischen Regime mittlerweile aktenkundig und breit analysiert vorliegen, sondern reiten auch einen toten Gaul. Denn mit dem letzten Kongress der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) im Herbst 2015 hatte die Eschenburg-Debatte bereits ein Ende gefunden.

          Wurde bereits in der letzten Zusammenkunft der Politologen auch jenseits von Eschenburg ein Geltungsproblem der Zunft sichtbar, setzen die Autoren jetzt noch einen drauf: Die „Versozialwissenschaftlichung“ und Amerikanisierung der Politikwissenschaft hat aus ihrer Sicht zu einer Selbstreferentialität geführt, die dem Fach seine inhaltliche Substanz genommen und seiner Außenwirkung massiv geschadet habe. Es würden keine Bücher mehr geschrieben, sondern nur noch hochspezialisierte Aufsätze in hochspezialisierten Fachzeitschriften mit einem sehr überschaubaren Leserkreis. Der Zwang zu Drittmittelanträgen verhindere eigensinnige Ansätze. Anders als Historiker, Soziologen und Juristen meldeten sich Politologen zu zentralen politischen Fragen kaum mehr zu Wort. Und wer ist schuld an alledem? Der akademische Nachwuchs! Denn, so ist von Jesse und Decker zu erfahren: „Die jüngere Generation schweigt.“

          Verlust an Eigensinn?

          Bei aller Plausibilität, mit der Jesse und Decker die, man möchte fast schon sagen, innere Aushöhlung des Fachs angesichts von Rankings, Drittmittelwahn und Bologna beschreiben, werden sie mit ihrem Versuch, eine Frontstellung zwischen Jung und Alt aufzubauen, der Realität nicht gerecht. Wenn die Autoren schon die längst ausgereizte Eschenburg-Debatte bemühen, dann hätten sie auch erwähnen müssen, dass die jüngere Generation in den Auseinandersetzungen über Eschenburg nicht im Traum daran dachte, zu schweigen. Von vielen aus der älteren Generation, darunter auch Jesse und Decker, wurde genau das aber nicht goutiert. Was also meinen die beiden Professoren, wenn sie den Verlust an Eigensinnigkeit beklagen? Es hat sehr den Anschein, dass nicht tatsächliche Eigenwilligkeit gewünscht ist, sondern akademische Schüler, die alles genau so machen und verstehen wie sie.

          Richtig ist die Beobachtung, die man sowohl auf Tagungen als auch in zahlreichen Aufsätzen machen kann, dass der Politikwissenschaft - zumindest in einigen Bereichen - fast jegliche Lebendigkeit und Kreativität abhandengekommen ist; kaum einer eckt noch an, Ideen und Analysen jenseits des politologischen Mainstreams sind eine Seltenheit, das Verständnis von Wissenschaft scheint sich grundlegend in das eines strategisch orientierten Managements verwandelt zu haben.

          Davon ist aber nicht nur die jüngere Generation und auch nicht allein die Politikwissenschaft betroffen. Mit der Umstellung der Studiengänge nach der Bologna-Reform wurde ein neuer Typus der Universität aus der Taufe gehoben, der genau jene Entwicklung begünstigte, die Jesse und Decker kritisieren: eine flächendeckende Standardisierung - die, was die Autoren nicht so deutlich sagen, in vielen Fällen zu einer drastischen Absenkung des intellektuellen Niveaus geführt hat - und gleichzeitig ein hoher Grad an Spezialisierung, und das schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt des Studiums. Das sind aber keine Probleme, die auf den Zustand der gegenwärtigen Politikwissenschaft zurückzuführen sind, sondern Anzeichen einer generellen Transformation der Universität, von der nahezu alle Geistes- und Sozialwissenschaften betroffen sind. Den Anstoß dafür haben jedoch nicht die Jungen gegeben, sondern die, die sich heute zur älteren Generation zählen.

          Der Wahn steckt im System

          Der akademische Mittelbau ist heute einem Druck ausgesetzt, von dem sich die ältere Generation womöglich keine rechte Vorstellung machen kann. Die Stellen sind rar, die Mittel knapp, die zumeist nur kurz befristeten Verträge für jeden eine Belastung. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz ist für viele der drohende Genickbruch. Hat man innerhalb von zwölf Jahren befristeter Anstellung an der Universität keine Professur bekommen - was schon rein statistisch gesehen nicht unwahrscheinlich ist -, fällt man in aller Regel aus dem System. Diese Rahmenbedingungen bringen es mit sich, dass ein unverhältnismäßig hoher Arbeitsaufwand betrieben wird, um im universitären Bewerbungsmarathon ein kleines bisschen mehr Sicherheit zu erlangen. Ein Belohnungssystem gibt es hier nicht; man kann seine Arbeit noch so gut machen, eine Stelle ist trotzdem nicht sicher.

          Was ist also die nächstliegende Reaktion? Der Nachwuchs tut, was das System von ihm verlangt - er orientiert sich an den drei Leitmotiven des zeitgemäßen Wissenschaftlertypus: Publikationswahn, Tagungswahn, Rankingwahn. Würde man diesem Wahn nicht verfallen, das wird dem Nachwuchs bei jeder Gelegenheit eingeimpft - und zwar von der älteren Generation -, hat man nicht nur wenig, sondern überhaupt keine Chancen, an der Universität zu bleiben. Und so ist es auch tatsächlich: In vielen Berufungskommissionen gelten genau jene Kriterienkataloge, deren Einhaltung den Jüngeren nun gleichzeitig zum Vorwurf gemacht wird. Da spielt nicht das eine Rolle, was Jesse und Decker als verloren geglaubte Bildungstradition hochhalten, sondern solche Dinge wie Zitationsindizes, Präsentationen, die Anzahl (und nicht der Inhalt) der Publikationen. Nur: Wer sitzt denn in den Berufungskommissionen und denkt sich solche abenteuerlichen Kriterien aus, die zur Einstellungsvoraussetzung gemacht werden? Die junge Generation ist es gerade nicht, denn sie umfasst all jene, die in das vorhandene System erst einmal hereinkommen wollen. Nein, die Jungen haben die jetzigen Strukturen nicht geschaffen - dafür trägt die ältere Generation die Verantwortung.

          An den deutschen Universitäten werden viel mehr Leute ausgebildet, als beschäftigt werden können. Das ist eines der grundlegenden Probleme dieses Systems. Wenn jede Forschung mit Existenzängsten verbunden ist, führt das unweigerlich dazu, dass das Fach immer inhaltsleerer wird, weil kaum jemand sich mehr traut, mal etwas zu wagen und mit ungewöhnlichen Ideen aufzuwarten.

          Es ist immer leicht, die Jungen zu kritisieren, wenn man selbst schon auf einer Lebenszeitstelle sitzt. Dieses Privileg hat der akademische Mittelbau aber nicht, und zwar ohne dass ihn daran irgendeine Schuld träfe. Wer eine eigensinnige, fundierte und kreative (Politik-)Wissenschaft haben will, muss auch die Rahmenbedingungen schaffen, die dafür nötig sind.

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